Südamerika-Tournee Sept/Okt 2010

der letzte Tag

Samstag, 2. Oktober 2010 von Guido Rueckel

Konzertankündigung

Zweiundzwanzig Fahrspuren macht die „Avenue 9 de Julio“ zu der wohl breitesten Straße der Welt, für unser recht kurzfristig geplantes Open Air Konzert wurde sie komplett für den Verkehr gesperrt, wir spielen am Obelisken, direkt im Zentrum von Buenos Aires.

Standing Ovations

Das Konzert wird im Fernsehen live übertragen, es werden 30.000 Zuschauer vor Ort erwartet.
Die größte Sorge gilt dem Wetter, es ist richtig kalt im Vergleich zu Brasilien, doch schon während der Anspielprobe kommt die Sonne heraus und erwärmt die Luft, die ersten Zuhörer nehmen ihre Plätze ein. Das Open Air Programm wurde das letzte Mal vor 6 Tagen gespielt, die Probe tut gut, auch die Tontechniker brauchen Zeit, um die Klangbalance einzustellen.
Dieser Tag ist anstrengend, Probe um 11:30, Open Air Konzert um 13:00, das Konzert im Teatro Colon um 20:30. Unser Reisearzt Christoph Völker bezeichnet einen solches Arbeitspensum als absoluten Hochleistungssport, 16 verschiedene Musikstücke an einem Tag, das ist mit normalem Orchesteralltag nicht zu vergleichen.

Zubin Mehta und Mayuko Kamio

Auch für unsere junge Solistin Mayuko Kamio, die heute insgesamt vier unterschiedliche Werke zu spielen zu spielen hat, ist dieser Tag sehr anstrengend. Bewundernswert, mit welcher Souveränität Sie auch heute wieder musiziert, ihr scheint dies alles nichts auszumachen, wird gefeiert und bejubelt.
Das Publikum auf der Avenue 9 de Julio ist begeistert, schwenkt Transparente mit Zugabe- Wünschen („Berliner Luft“…wohl das Orchester verwechselt?), Musiker müssen nach dem Konzert Autogramme geben, wir werden bis zum fußläufig gelegenen Hotel beklatscht…wunderbar.
Am Abend dann das letzte Konzert der Reise, Tschaikowski als Hauptwerk. Einigen ist schon fast ein wenig wehmütig, obwohl sich alle wieder auf München freuen. Mehta bedankt sich sehr beim Orchester, er bezeichnet gerade die Konzerte in Buenos Aires als Sternstunden, ist glücklich.

Autogrammstunde

Nach einem grandiosen Konzert „Wiener Blut“ und ein „Ungarischer Tanz“ als Zugabe…es ist geschafft…und dann, im Applaus, bittet Zubin Mehta, daß sich das Publikum und das Orchester wieder setzten möge, es wird still…Mehta nimmt unsere Kollegin Theresa Rittahler an die Hand, führt sie zum Dirigenten-Podest und erklärt dem Publikum auf Spanisch, dass sie heute Abend ihr letztes Konzert bei den Münchner Philharmonikern gespielt hat, ab morgen ist sie offiziell im Ruhestand. Kann es einen bewegenderen Abschied als diesen geben, 3000 Menschen im Publikum, ein ganzes Orchester und einer der besten Dirigenten der Welt spenden Applaus für ein reiches und erfülltes Musiker-Leben? Eine wunderbare und ganz große Geste.
24.000 Flugkilometer, 7 Konzerte mit 3 Programmen, viele Stunden Busfahren, noch mehr Stunden des Wartens…eine anstrengende, eine äußerst erfolgreiche Tournee geht zu ende. Auch wenn es von keinem Kritiker, keinem englischsprachigem Musik-Journal offiziell bestätigt wurde, mit einer solchen Leistung gehört man zu den besten Orchestern der Welt. Müde, glücklich und mit Stolz treten wir den langen Rückflug nach München an.

ein glücklicher Dirigent

Buenos Aires

Freitag, 1. Oktober 2010 von Guido Rueckel

Teatro Colon

Das Teatro Colon, gebaut 1908, war für fast 4 Jahre geschlossen, bis es vor ein paar Monaten wieder geöffnet wurde. Es gilt als eines der größten und schönsten Opernhäuser der Welt und es verschlägt einem schon den Atem, wenn man die Bühne betritt. Die Münchner Staatsoper, die viele Orchestermitglieder selbstverständlich kennen, ist wunderschön und auch recht groß, doch dieses Haus schlägt so ziemlich alles, was die Meisten bisher gesehen haben.

Teatro Colon

Akustisch sind Opernhäuser leider immer nicht so optimal für Sinfonie-Orchester zugeschnitten, wir hören uns gegenseitig nicht besonders gut. Zubin Mehta freut sich trotzdem hier zu sein, er fordert uns noch vor der Probe auf, den Zuschauerraum und die prächtigen Treppenhäuser zu inspizieren, viele Fotos werden gemacht.
Heute wieder das erste Programm, die Ouvertüre zu „Macht des Schicksals“ durfte hier lange Zeit nicht gespielt werden, während einer Vorstellung fiel der riesig große Kronleuchter in den Zuschauerraum.
Das Publikum in Brasilien und Argentinien ist enthusiastisch,

heute stehen die Zuschauer schon beim Auftritt von Mehta und Orchester, bevor ein Ton gespielt wurde. Bei so einem herzlichen Empfang spielt es sich mit noch mehr Freude…Ist es die südländische Mentalität, die uns jedes Mal wieder mitreißt, ist es die Musizierfreude von Mehta, die uns beflügelt, die jedes Konzert ein wenig anders werden lässt, spontane Tempoänderungen, mehr dynamische Feinheiten…es macht unglaublich viel Spaß, hier im Teatro Colon zu musizieren. Einigen Kollegen steckt die Reise in den Knochen, die klimatischen Wechsel, die allgegenwärtige Klimaanlagen, der Verbrauch von Halsschmerztabletten und Grippemitteln steigt langsam an…dennoch ist die Musizierlaune ungebrochen. Auch an diesem Abend gibt es nach Verdi, Bruch und Mahler wieder den achten slavischen Tanz als Zugabe, glücklich gehen wir von der Bühne. Eines der besten Steakhäuser von Buenos Aires liegt in Fußnähe, heute Abend sind erstaunlich viele Musiker hier anzutreffen…

Teatro Colon

Die Konzertsäle unserer Tournee (III) – das Teatro Colón

Freitag, 1. Oktober 2010 von Christine Moeller

Das Teatro Colón in Buenos Aires, vielleicht das legendärste Opernhaus der Welt, musste in letzter Zeit einiges über sich ergehen lassen. Nach den glanzvollen Jahren, in denen sich das Who-is-Who der internationalen Opernwelt in Buenos Aires einfand – für Wilhelm Furtwängler galt das Teatro Colón als das beste Opernhaus der Welt –, folgte der unaufhaltsame Niedergang. Künstlerische Leiter gaben sich fast jährlich die Klinke in die Hand, der Mitarbeiterstab schwoll zu lähmender Größe an, die Angst, mit nötigen Renovierungsarbeiten die sagenhafte Akustik zu beeinträchtigen, verhinderte jegliche Instandhaltungsarbeiten. 2006 schließlich wurde das Teatro Colón geschlossen, um bis zum 100. Geburtstag des Hauses im Mai 2008 renoviert und herausgeputzt zu werden. Doch den 100. musste die alte Diva der Opernhäuser im künstlichen Koma verbringen. Fehlende Planungen forderten ihren Tribut, der Geldfluss stoppte, Überfluss gab es dagegen an Querelen und Verzögerungen. Vorübergehend wurden die Renovierungsarbeiten sogar ganz eingestellt. Zum Glück bahnte sich ein anderes argentinisches Großjubiläum an: die 200-Jahr-Feier des Landes am 24. Mai 2010. Zu diesem Anlass erstrahlte das Teatro Colón in neuem Glanz und die erste Saison mit 183 Vorstellungen nährt die Hoffnung, dass das Haus seinen alten Mythos wiederbeleben kann.

Sieben statt vier

Donnerstag, 30. September 2010 von Guido Rueckel

Horngruppe mit Luiz Garcia (dritter von rechts)

Die kurzfristige Entscheidung von Maestro Zubin Mehta statt der mit 4 Hörnern besetzten Urfassung der ersten Symphonie von Gustav Mahler nun doch die übliche Version mit 7 Hörnern zu spielen, brachte etwas Unruhe in unser Orchesterbüro. Wir brauchten drei Hornisten mehr auf der Reise, die jeweils ein Arbeitsvisum für Brasilien und Argentinien benötigten.
Ein Teil des Problems löste sich recht schnell. Michael Schneider, Solohornist der Dresdner Philharmonie, der sich als Aushilfe die Konzerte mit Jörg Brückner teilt, erklärte sich sofort bereit, im Tutti zu spielen. Für Hubert Pilstl, der für die Reise nicht eingeteilt war, war ein Visum beantragt worden, weil er als Bereitschaft für eine etwaige Erkrankung eines Kollegen bereit stehen musste.
Was aber mit Horn Nummer sieben? In der Kürze der Zeit ist es fast unmöglich ein Visum zu erhalten.
Unsere brasilianische Kollegin aus den Bratschen, Thais Coelho, hatte die rettend Idee: „Fragt doch Luiz Garcia. Vielleicht kann er sich Zeit nehmen.“
Luiz lebt in Rio de Janeiro, ist Solohornist im „Orquestra Sinfônica Brasileira“ und Professor an der dortigen Universität. Er verbrachte mehrere Jahre in Deutschland, war an der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker und spielte anschließend ein Jahr bei den Kollegen vom Bayerischen Rundfunk. Während dieser Zeit holten wir ihn auch zur Aushilfe in unser Orchester.
Wir hatten die ideale Lösung:
Einen hervorragenden Hornisten, der als Brasilianer kein Visum braucht (auch nicht in Argentinien!) und unser Orchester kennt. Besser geht’s nicht!
Für uns hat das Ganze noch einen angenehmen Nebeneffekt. Da Luiz unsere Tourneestädte kennt, dient er gleichzeitig noch als Reiseführer. In Sao Paulo ist er aufgewachsen, in Rio lebt er und Buenos Aires kennt er von den „Abstechern“ seines Orchesters nach Argentinien.
Lieber Luiz, wir freuen uns, dass du dabei bist!

Uli Haider

Brasilianisch

Mittwoch, 29. September 2010 von Guido Rueckel

Teatro Municipal

Ein anstrengender Tag liegt vor uns, frühe Abfahrt zum Flughafen, um nach einem einstündigen Flug in Rio zu landen, viele Kollegen freuen sich auf die brasilianischste aller Städte, das Hotel liegt in Fußweite von dem wohl berühmtesten Strand, der Copacabana. Leider ist der heutige Tag sehr eng geplant, nach der Ankunft im Hotel bleiben höchstens 2 Stunden, bevor es weiter zum Teatro Municipal geht. Angekommen am Hotel ein kollektiver Schock: ein so schlechtes Hotel hat hier niemand erwartet, die Zimmer sind winzig klein, übelriechend, die Bäder teilweise schimmelig, die Parallelstraße der Copacabana ist gesäumt mit eher zwielichtigen Gestalten, ein Essen sollte für das Orchester vorbereitet sein, ist es aber nicht.

Die Freude an Rio ist schnell verpufft, die Stimmung gereizt, nun noch schnell etwas zu essen suchen, die Busse zum Saal sind wieder vorgefahren.

Teatro Municipal

Das Teatro Municipal , ein wunderschöner Bau aus dem Jahre 1909 liegt mitten im Zentrum von Rio, wir betreten die Bühne…und auch hier läuft nicht alles so wie es sollte. Die Bühnenarbeiter beginnen gerade erst mit dem Bühnenaufbau, Instrumentenkisten befinden sich teilweise noch in LKW´s, wir werden geben, die Bühne wieder zu verlassen, die Anspielprobe kann mit Sicherheit nicht pünktlich beginnen. Eine knappe Stunde später spielt das Orchester die ersten Takte der Mahler-Symphonie, wieder muss die Klang-Balance in der Anspielprobe neu justiert werden, der Saal klingt schön, aber recht trocken. Zubin Mehta ist ein Routinier, innerhalb kürzester Zeit fühlt sich ein jeder wohl auf der Bühne, das Konzert kann beginnen. Frau Lovatelli, die brasilianische Konzertveranstalterin, entschuldigt sich persönlich für die widrigen Umstände und lädt spontan das gesamte Orchester zu einem Abendessen nach dem Konzert ein.

Teatro Municipal

Zum einen ist es wohl diese große Geste, zum anderen die „Jetzt-Erst-Recht“ Eigenschaft, welche die Münchner Philharmoniker auszeichnet, die auch dieses Konzert wieder herausragend werden lässt, Standing Ovations wie die Tage zuvor, der Applaus will gar nicht mehr aufhören, nach der Zugabe schnell zu den Bussen, eine riesige Churasceria wartet schon auf uns. Der morgige Vormittag ist frei, bevor es weiter nach Argentinien geht, der ein oder andere Caipirinha wird heute sicherlich noch getrunken werden…

Die Konzertsäle unserer Tournee (II) – Teatro Municipal

Mittwoch, 29. September 2010 von Christine Moeller

Am Südende der Prachtstraße „Avenida Rio Branco“, dort wo sich die Häuserfluchten zu einem der eindrucksvollsten Plätze Rio de Janeiros, dem „Praça Floriano“ öffnen, steht das Teatro Municipal. 1909 eröffnet, sollte es — dem ehrgeizigen Wunsch des damaligen Bürgermeisters entsprechend — nach außen hin sichtbar den Aufstieg Rio de Janeiros zum Wirtschafts- und Kulturzentrum Südamerikas demonstrieren. Und so wurde am Bau des städtischen Theaters nicht gekleckert… Als architektonisches Vorbild diente nichts Geringeres als die Pariser Oper, für die prunkvolle Innenausstattung schiffte man Marmor aus Carrara, französische Buntglasfenster, Bronzeskulpturen und Kristallleuchter aus Europa ein, sparte nicht an Goldverzierungen, Mosaiken und Fresken. Der Bühnenvorhang wurde vom bedeutensten Maler Brasiliens, Eliseu Visconti (1866–1944), bemalt und zeigt insgesamt 75 berühmte Persönlichkeiten aus dem künstlerischen Bereich: Rembrandt und Richard Wagner sind auch dabei.

Bereits 1934 erschien das Theater zu klein für die rasant wachsende Stadt, so dass das Auditorium von 1.739 auf 2.205 Plätze vergrößert wurde. Heute ist das Teatro Municipal in Rio de Janeiro Heimat des Orquestra Sinfônica Brasileira, des Petrobras Symphony Orchestra und eines über Brasilien hinaus bekannten Ballettensembles und gilt nicht nur als die größte sondern auch als die schönste Theater- und Konzertbühne Brasiliens.


Klassische Musik in den Favelas

Mittwoch, 29. September 2010 von Guido Rueckel

Instituto Baccarelli

Instituto Baccarelli

Instituto Baccarelli

Instituto Baccarelli

Am 28. September besuchte eine Gruppe der Münchner Philharmoniker die Musikschule Instituto Baccarelli in Heliopolis, einen der ärmsten Stadtteile São Paulos.

Zu einem sehr schöner Bericht auf der Homepage der Münchner Philharmoniker folgen Sie bitte dem Link:

Klassische Musik in der Favelas

Auf dem Bayerischen Rundfunk ist ebenfalls ein Bericht zu hören, bitte folgen Sie dem Link:

Bayerischer Rundfunk Allegro

Konzerte Sao Paulo

Dienstag, 28. September 2010 von Guido Rueckel

Sala Sao Paulo

Riesig sieht er von außen aus, der Sala Sao Paolo, ein ehemaliger Fernbahnhof, entkernt und in einen Konzertsaal umgebaut, klassizistische Säulen säumen die Seitenwände, dazwischen Zuschauer-Logen eingepasst, 1500 Menschen finden hier Platz. Es ist immer ein spannender Moment, das erste Mal in einem Saal zu spielen, wie wird er klingen, wird man sich gegenseitig gut hören?

Sala Sao Paulo

Wir Münchner Philharmoniker sind ja, was dies angeht, vom Gasteig nicht gerade verwöhnt. Dennoch heißt das nicht automatisch, daß jeder andere Saal besser ist. Das ganze Orchester muss sich dynamisch neu aufeinander einstellen, die hohen Frequenzen sind hier wesentlich präsenter, ein sehr schöner Streicher-Klang, die Bläser dagegen etwas gedeckter als gewohnt…Zubin Mehta nutzt jeden Moment der 90 minütigen Anspielprobe, mehr dynamische Schattierungen sind hier möglich…und auch nötig, hoch konzentriert wird auch an kleinsten Details gearbeitet.
An diesem Abend steht die erste Symphonie von Gustav Mahler auf dem Programm, vor der Pause Verdi´s Ouvertüre zu „Macht des Schicksals“ und das Violinkonzert Nr. 1 von Bruch, Solistin wie auch in München Mayuko Kamio.
Schon nach der Ouvertüre Bravo-Rufe, der Saal ist restlos ausverkauft, der Funke springt über, zur Pause schon Ovationen für unsere junge Solistin, eine Paganini-Zugabe, es läuft wunderbar.
Dann die erste Mahler mit der als zusätzlichen zweiten Satz eingeschobenen „Blumine“, fast 50 Minuten unter Hochspannung musizieren…dann bricht ein Jubel los, den man selten erlebt, der ganze Saal steht, tosender Applaus, Bravo-Rufe…und ein glücklicher Zubin Mehta. Wie schafft dieser Mann es jedes Mal, uns und das Publikum so dermaßen zu begeistern? Nach dem achten Slavischen Tanz als Zugabe ein Blick auf die Uhr: es ist 23:30, das Konzert begann erst um  neun Uhr, zum Hotel brauchen wir nochmals eine Stunde, die Zeitumstellung sitzt vielen Kollegen in den Knochen, glücklich aber kaputt geht es für viele nach einem Bierchen ins Bett.
Ist eine Steigerung eines hervorragenden Konzertes möglich?

Sala Sao Paulo

Am zweiten Konzertabend steht die vierte Symphonie von Tschaikowski als Hauptwerk aus dem Programm, der erste Konzertteil ist der gleiche wie gestern, zusätzlich wird noch die „Passacalia op. 1“ von Webern gespielt, wieder eine 90 minütige Anspielprobe. Unser Ehrendirigent weiß genau, welche Passagen und Übergänge nochmals geprobt werden müssen, oftmals kennt er die Probenziffern-Bezeichnungen auswendig, im Konzert dirigiert er sowieso ohne Partitur…und wie!!
Selten erleben wir, wie sich ein Dirigent so dermaßen „ins Zeug legt“, mit vollstem Körpereinsatz, Blickkontakt zu jedem Musiker…ein Orkan von Jubel bricht los, Standing Ovations, ist es nicht noch ein bisschen mehr als gestern? Einige altgediente Kollegen zählen dieses Konzert schon während des Umziehens zu einem der besten, die sie je gespielt haben…selten sieht man so viele glückliche Gesichter im Bus zurück zum Hotel, da sind die Reisestrapazen schnell vergessen…vielleicht noch einen Absacker an der Hotelbar, morgen früh geht der Flug nach Rio, das nächste Publikum erwartet uns.

Jubel nach dem Konzert

Open Air Konzert in Sao Paulo

Sonntag, 26. September 2010 von Guido Rueckel

Bühne Ibirapuera Park 2

Heute nun also unser erstes Konzert, open air in dem berühmten Parque Ibirapuera, es gab dort schon Konzerte vor 60.000 Zuhöhrern…heute wohl eher nicht, es regnet in Strömen. Für uns ist der Regen kein Problem, in den Park wurde eine große Bühne fest installiert, eine riesige Theaterbühne, es sieht aus wie ein aus Beton neu gebautes Opernhaus…nur dort wo der Zuschauerraum sein sollte, ist der Park. Werden bei diesem Wetter überhaupt Zuschauer kommen?

Zwölf Musikstücke stehen heute auf dem Programm, allesamt geprobt in München zwischen den Konzerten der vier ersten Abo-Konzerte, knappe 90 Minuten mit Johann Strauss, Dvorak, Brahms, Sarasate und Tschaikovsky.

Generalprobe Open Air Konzert

Die Instrumente sind alle wohlbehalten angekommen (fast 6 Tonnen Fracht), eine Blechbläser- “Banda” aus Sao Paulo spielt gemeisam mit uns die Ouvertüre 1812, alles wird in der Anspielprobe nochmals gespielt…der Regen hört langsam auf, die ersten Zuhörer erscheinen, der Soundcheck ist beendet, noch eine halbe Stunde bis zum Beginn des Konzertes um 11:00 Uhr. Zuschauerrekorde werden wir heute wetterbedingt wohl nicht brechen, eine ansehnliche Menge hat sich aber doch zusammengefunden.

Zubin Mehta ist bestens gelaunt, ihn scheinen die Unwägbarkeiten nichts auszumachen, er sucht den Kontakt zu uns Musikern, scherzt, freut sich mit uns auf den Beginn.

Das Konzert läuft bestens, das Publikum lässt sich mitreißen, applaudiert unserer Solistin Mayuko Kamio, unserem Ehrendirigenten und dem Orchester frenetisch, vor allem nach unserer Zugabe “Tico- Tico no fuba” von Zequinha de Abreu in einer schwungvollen Orchesterversion…trotz des schlechten Wetters ein mehr als gelungener Auftakt unserer Südamerika-Tournee.

Zum Film der Zugabe “Tico Tico” bitte hier klicken (leider etwas verwackelt)

Bühne Ibirapuera Park

Bühne Ibirapuera Park

Braganca

Samstag, 25. September 2010 von Guido Rueckel

MB

Einer der wirklich tollen „Nebeneffekte“ einer Tournee sind die Verbindungen zu den Menschen in allen Teilen dieser Welt.
In Sao Paulo pflegt die Horngruppe der Philharmoniker seit vielen Jahren den Kontakt zu Marcus Bonna.

Marcus Bonna

Marcus war Hornist in einem Orchester in Sao Paulo, hat sich aber in der Zwischenzeit auf die Produktion von Taschen für verschiedene Blasinstrumente spezialisiert. Seine „Gig-Bags“ werden weltweit verkauft und sind auch bei deutschen Musikern sehr beliebt.
Unser Kollege Alois Schlemer hat nicht unwesentlich zu diesem Erfolg beigetragen. Er hat bei Händlern in Deutschland und Japan für die hochwertigen Produkte geworben und damit den Grundstein für den wirtschaftlichen Erfolg von MB-Cases gelegt, eine Firma, die inzwischen mehr als 60 Mitarbeiter beschäftigt.

Lyra Braganca

Diesmal hatte Marcus eine besondere Attraktion für uns vorbereitet. Insgesamt 17 Musiker wurden, nach unserer frühen Ankunft in Sao Paulo (5.30 Uhr) und einem kurzen Frühstück im Hotel, von einem Bus abgeholt, der uns nach Braganca, 80 km nördlich von Sao Paulo, chauffierte.
In dem riesig großen Fabrikationsraum, in dem wochentags genäht wird, warten 50 Kinder der Brassband „Lyra Braganca“ auf uns, diese 50 Kinder zwischen 6 und 17 Jahren bekommen hier Musikunterricht, wochentags von 18-20 Uhr, Samstags von morgens bis abends. Sie sind Kinder aus einfachsten Verhältnissen, Straßenkinder, Kinder ohne Eltern, sie kennen kein anderes Leben außerhalb ihres Viertels, kennen eigentlich gar kein anderes Leben…Marcus bringt Ihnen die Musik, sie bekommen Unterricht auf ihren jeweiligen Instrumenten, Theorieunterricht, ein warmes Essen gehört auch dazu. Die Kinder sind in 2 Gruppen eingeteilt, die „Kleinen“ spielen ihre Instrumente erst seit ein paar Monaten, die „Großen“ sind schon seit Jahren dabei.

die "Kleinen"

zum ersten Film bitte hier klicken
zum zweiten Film bitte hier klicken

Faszinierte Zuhörer

Wir werden mit einem Konzert empfangen, zuerst ein Stück von den „Kleinen“, dann legen die „Großen“ nach, spielen ein ums andere Werk…und hauen uns sprichwörtlich aus den Socken! So viel Musikalität, Gefühl, Esprit und vor allem Stolz kommt von diesen Jugendlichen, wir sind sprachlos von der Begeisterung, mit der musiziert wird, die Augen leuchten, es wird gesungen, einige Mitglieder der Münchner Philharmoniker werden zum Samba-Tanzen aufgefordert, während das obligatorische „Brazil“ mit gefühlten 120 Dezibel den Raum vibrieren lässt.

Samba-Tänzer

zum dritten Film bitte hier klicken


All das wäre nicht möglich, wenn Marcus nicht viel von seinem privaten Geld in dieses Projekt stecken würde, er versteht es die Kinder zu begeistern, strahlt, dirigiert mit vollem Einsatz, eine echte Herzensangelegenheit.

Trompeten

Später dann spielen unsere Blechbläser und Schlagzeuger gemeinsam mit dem Blechensemble, aus 50 werden 60 Musiker, es klingt noch gewaltiger, nur noch lächelnde Gesichter, man applaudiert sich gegenseitig. Später erfahren wir, daß die meisten der Kinder, die zum ersten Mal zu Marcus kommen, noch nie ein Instrument gesehen oder gehört haben, sie leben sonst auf der Straße, leben eines der härtesten Leben, die man sich vorstellen kann. Dank Marcus kommt das erste Mal Fröhlichkeit in ihr Leben, mit welchem Stolz ein 6 Jähriges Mädchen Ihr wunderschönes Trompetensolo spielt, rührt einen zu Tränen. Man glaubt es kaum, daß hier die erste und die dritte Welt aufeinandertreffen, wir können es nicht nachvollziehen, dass diese Kinder beim Verlassen des Firmengeländes wieder zu Straßenkindern werden.

Hörner

Wir essen alle gemeinsam zu Mittag, danach wollen die Jugendlichen noch mehr von uns haben, wir werden gebeten, in den jeweiligen Instrumentengruppen zu unterrichten…nein, es wird ein gemeinsames Musizieren, unter freiem Himmel spielen die Schlagzeuger  Samba-Rhythmen, die Trompeten, Hörner und Posaunen verteilen sich auf die verschiedenen Fabrikationsräume und geben Gruppenunterricht, es ist ein Kommen und Gehen, die Kinder wechseln die Räume, wollen von Allem so viel es geht mitnehmen…die Münchner Philharmoniker als musikalische Entwicklungshilfe?? Sind es nicht wir, die diese ansteckende Begeisterung mit nach Hause nehmen, morgen auf die Bühne des Open Air Konzertes im Parque Ibirapuera mit der gleichen Freude  spielen dürfen…der Abschied fällt allen Beteiligten schwer, ein wundervoller Tag in Braganca geht zu Ende…wir hoffen alle auf ein Wiedersehen!!

Schlagzeuger

alle sind glücklich!!

Mittagessen

Abschied