125 JAHRE IN EINEM BILD

von SANDRA DICHTL

Die Geschichte der Münchner Philharmoniker ist vielfach rückblickend betrachtet und von verschiedenen Standpunkten aus musik- und kulturhistorisch reflektiert worden. Das dafür angelegte bildnerische Gedächtnis des Orchesters finden wir im Jahr 2018 in einem Archivraum in der Kellerstraße, der über den Bühneneingang zu erreichen ist. Sortiert nach Personen und Anlässen liegen die Fotografien in einem Schrank, um hervorgeholt zu werden und einen Eindruck vom Gewesenen zu vermitteln und Geschichte zu bebildern. Doch: Was vermögen die Fotografien zusammen mit kalendarischen Fakten und wissenschaftlichen Texten vom Wirken des Orchesters und den ihm entsteigenden Klängen auszusagen? Wie können wir dem bereits Gedachten eine neue Dimension hinzufügen oder vielmehr: Kann es eine Installation schaffen, einen Eindruck von Geschichte zu vermitteln?

HISTORISCHE UNFASSBARKEIT DER »ORCHESTRALEN SCHWARMINTELLIGENZ«

Allun Turner hat zusammen mit Thomas Goerge, Angelika von Ammon und Anna Schürmer in stetem Austausch über die Klänge, Bilder und historischen Fakten eine Installation geschaffen, die sich der historischen Unfassbarkeit einer »orchestralen Schwarmintelligenz« annähern möchte. In diesem Archiv durchforsteten Allun Turner und ich die Bildgeschichte intuitiv, unserer Neugierde folgend. Daraus entwickelte der Künstler eine dreidimensionale, mehrteilige Installation, deren Basis oder Hintergrund eine Collage aus historischen Aufnahmen und assoziativen Symbolen bildet. Im Mittelgrund zeigen drei Acrylpaneele ein krakenhaftes Gespinst, das wie ein bildgewordenes visuelles Gedächtnis Fotografiertes und Montiertes zu vereinen scheint. Im Vordergrund sind einzelne Personen überdimensional groß. Werden nicht in jeder Historie Einzelne als besonders wichtig herausgehoben? Für den Portraitmaler Allun Turner ist das Erfassen menschlicher Züge Teil der künstlerischen Praxis. Wie kann er diese Erfahrungen nutzen für das historische Portrait eines Orchesters?

KÜNSTLERISCHER AUSTAUSCH ÜBER KLÄNGE, BILDER UND HISTORISCHE FAKTEN

Ebenfalls Teil der Installation ist eine Videocollage von Thomas Goerge. Sie zeigt einen Einblick in die Arbeit mit dem Bildmaterial aus dem archivarischen Gedächtnis des Orchesters. Die staccatoartige Bildregie lässt uns unseren Umgang mit der Vergangenheit reflektieren. Basis für die Regie des Videos bildete eine Soundcollage von Angelika von Ammon, sie macht Auszüge des auditiven Gedächtnisses des Orchesters hörbar. Vom Rascheln des Publikums über Auszüge bekannter Konzerte, hin zu dramatischen Geräuschen aus der Münchner Vergangenheit.

Der Text von Anna Schürmer greift Bilder einer Schwarmintelligenz und eines Gespinstes auf, um die nicht-linearen Eigenschaften der Orchestergeschichte zu reflektieren. Musik erreicht den Menschen unmittelbar – sie hat die Fähigkeit mittels ausgesandter Schallwellen jeden dort abzuholen, wo er sich einzulassen vermag. Das gelingt der bildenden Kunst dann, wenn sie es schafft – atmosphärisch verdichtet – Geschichten zu erzählen, einen Erlebnis- und Gefühlsraum zu schaffen. Zugleich soll die Lebendigkeit und das Wirken des aktuellen Orchesters, das Zurückschauen in die Orchestergeschichte überwiegen. Und das, wo Musik an sich ephemer, unsichtbar ist – aber ebenso Sinneseindrücke und historische Momente hinterlassen kann – wie es die 125-jährige Geschichte der Münchner Philharmoniker eindrücklich beweist.