ORCHESTRALE SCHWARMINTELLIGENZ

von ANNA SCHÜRMER

»Erinnern heißt Vergessen.« (Christoph Schlingensief)

125 Jahre zählen die Münchner Philharmoniker: Damit ist das Orchester älter und bezugsreicher als ein Menschenleben, über das der vielköpfig modellierte Klangkörper mit seinen zahllosen Einzelbiographien ohnehin weit hinausreicht. Kein eindimensionaler, linear-chronologischer Blick kann die Geschichte dieser 125-jährigen und vielstimmig orchestrierten Schwarmintelligenz fassen, vielmehr ein Kaleidoskop von Assoziationen und Dimensionen wie Bild und Ton, Raum und Zeit, Geschichte und Gesichter: Nicht Ein-, sondern Vieldeutigkeit sucht daher die von Sandra Dichtl kuratierte und von Allun Turner installativ konzeptionierte Ausstellung »MPHIL 125: Großes Hören« mit der Schaffung eines audiovisuell collagierten Erlebnisraumes voller Gespinster zu fassen.

GES(CH)ICHTE(R)

Orchester sind untote Schwarmintelligenzen: Der Organismus überlebt seine sich beständig erneuernden Zellen (= Musiker) – und doch ragen aus dem vielköpfigen Klangkörper markante Gesichter heraus, welche die Geschichte der Münchner Philharmoniker bestimmten. Zuallererst natürlich Hofrat Franz Kaim, der im Münchner Fin de Siècle 1893 sein eigenes Kaim-Orchester gründete, die Keimzelle der Münchner Philharmoniker. In der Ausstellung wie im Wirken überlebensgroß, sind die Primi inter Pares: In der ersten Phase der Orchestergeschichte reichten sich Dirigenten in rascher Abfolge den Takt- wie einen Staffelstab – etwa der tourneefreudige Liszt-Schüler Felix Weingartner (1898-1905) oder der Bruckner-Eleve Ferdinand Löwe, der dem Orchester 1897/98 und 1908-1914 gleich zweimal vorstand. Nicht zu vergessen die prominenten Gastdirigenten des damaligen Privat-Klangkörpers – allen voran Gustav Mahler, der den späteren Münchner Philharmonikern 1901 und 1910 die Uraufführungen seiner 4. und 8. Symphonie schenkte und dirigierte. Ähnlich überlebensgroß strahlt der bis heute als »Meister der Tempi« verehrte »Celi«: Sergiu Celibidache, der zwischen 1979 und 1996 eine goldene Ära prägte, während Valery Gergiev seit 2015 Gegenwart und Zukunft des Orchesters bestimmt. Freilich glänzt nicht alles, was gut klingt: Vergesse man nicht die Jahre 1938-1944, als der tragische Oswald Kabasta das Orchester (ver)leitete – und 1943 die Stadt München als rechtlichen Träger des Orchesters gewann, das unter seinem politisch ebenso fragwürdigen Vorgänger Siegmund von Hausegger (1920-1938) in »Münchner Philharmoniker« umbenannt wurde und die Uraufführung zweier Originalfassungen von Bruckner-Symphonien erlebte.

ORCHESTER ALS KOMPLEXES GEWEBE ZWISCHEN MENSCHEN UND ZEITEN

(Orchester-)Geschichte ist niemals schwarz-weiß und manchmal sogar weiblich (wenngleich patriarchale Strukturen auch hier dominierten): 1924 etwa trat mit der Dirigentin, Pianistin und Komponistin Ethel Leginska erstmals eine Frau auf die Bühne, auf der auch die in Freising ausgebildete Wagner-Interpretin Rosa Sucher brillierte. Ge(s)ichte(r) wie diese finden sich in der Ausstellung als installativen Erinnerungsort: Einem abstrakten Gespinst in Raum und Zeit, das Bezug auf die heterotrophe Struktur der Vergangenheit und Gegenwart nimmt und das Orchester als komplexes Gewebe zwischen den mit ihm verbundenen Menschen und Zeiten zeigt. Das Gespinst Allun Turners ist transzendent wie sein Verständnis von Musik und vielgestaltig wie die untote Schwarmintelligenz. Von ihren Gesichtern belebt erzeugt dieses Gespinst einen wunderlichen Bewusstseinsstrom, in dem sich zeitgenössische Ereignisse mit älteren Bildern überlagern: »Das Orchester hat die Welt bereist – also hat ein Orchestermitglied die Carnegie Hall als Kopf, ein anderer trägt eine Discokugel auf den Schultern; der alte Tourbus hebt ab wie eine Rakete.«

TOPOLOGIEN: RAUM-ZEITEN

Orchester sind untote Schwarmintelligenzen und symbolische Erinnerungsorte – Heterotopien: Orte in einer Gesellschaft, die deren Struktur zu ihrem eigenen internen Ordnungsprinzip machen oder unterlaufen. Doch auch konkrete Räume (die niemals fixiert, sondern vergänglich und soziokulturell konstituiert sind) bestimmten die Geschichte der Münchner Philharmoniker. Zu nennen ist etwa die Neue Musik-Festhalle – die Halle 1 des heutigen Verkehrszentrums des Deutschen Museums auf der Theresienhöhe – wo Gustav Mahler am 12. September 1910 seine 8. Symphonie uraufführte. Unwiderruflich vergangen sind dagegen die beiden legendären Wundersäle aus der »Kaim«-Zeit der heutigen Münchner Philharmoniker: Die gewaltige neobarocke »Tonhalle«, die Martin Dülfer im Auftrag des Geheimrats Franz Kaim errichtete, fiel 1945 dem Bombenkrieg ebenso zum Opfer, wie Leo von Klenzes »Odeon«, heute Dienstsitz des bayerischen Innenministeriums. Nach Interims-Stationen im Prinzregententheater und Herkulessaal bekamen die Münchner Philharmoniker 1985 mit dem Gasteig eine ständige Spielstätte. Nun wurden durch eine Fachjury drei Architekturbüros gekürt, um die aufwendige Sanierung des Ensembles weiter zu denken. Oberbürgermeister Dieter Reiter meinte als Jurymitglied dazu: »Der Gasteig als größtes Kulturzentrum Europas soll auf die nächsten Jahrzehnte hinaus gut aufgestellt sein. Diese Weiterentwicklung soll und darf dabei auch deutlich sichtbar sein, muss jedoch die Seele des Hauses erhalten. Ich bin zuversichtlich, dass uns das mit den jetzt vorliegenden Vorschlägen gut gelingen wird.«

AUDIO-VISIONEN

Die klang- und bilderflutende 125-jährige Orchesterhistorie repräsentiert sich in Audio-Visionen, die in der Installation das sinnliche Erleben repräsentieren. Aufsteller und ein Triptychon voller Symbole machen im Zusammenspiel mit flirrenden Lichtspielen von Thomas Goerge Geschichte visuell erlebbar. Historische Fotografien von schwarz-weiß mit ordentlich Patina über Farbe bis Hochglanz erzählen von Tutti und Solisten, Emotionen und Handwerk, Kunst und Leben. Die Filmcollage zeigt Erinnerungen aus dem Orchesterarchiv, dem räumlichen Ort des Orchester-Gedächtnisses. Die Klanggeschichte der Münchner Philharmoniker umfasst deutlich mehr als Meisterkompositionen. In ihrer Soundcollage arbeitet Angelika von Ammon deshalb mit Tönen wie Applaus und Buhrufen, Fliegeralarms und Stimmgeräuschen. Und doch schreibt das untote Orchester insbesondere mit unsterblichen Konzertereignissen seine eigene Klanggeschichte: Von der Uraufführung von Mahlers »Symphonie der Tausend« (1910) bis zu Wolfgang Rihm, der zum 125. Jubiläum der Münchner Philharmoniker im März 2019 ein Auftragswerk im Zeichen historischer Uraufführungen beisteuert.