»Neo« - ein Jahresbeginn voller Uraufführungen

Mit Premieren von gleich drei neuen Auftragswerken, geschrieben von einer Riege angesehener internationaler Komponist*innen, starten die Münchner Philharmoniker im Januar in ein dynamisches Jahr 2022. Mit Arthur und Lucas Jussen, Semyon Bychkov, John Storgards, Gautier Capuçon und Giedrė Šlekytė stehen ihnen prominente Gäste zur Seite.

Die ersten Wochen nach Neujahr sind geprägt von guten Vorsätzen und Neugier auf das, was das kommende Jahr mit sich bringt – und auch ein Umzug in eine neue Heimat birgt eine solche Aufbruchsstimmung. Für die Münchner Philharmoniker gibt es nach dem erfolgreichen Ortswechsel in die Isarphilharmonie auf dem Areal des Gasteig HP8 im Herbst 2021 also gleich zwei gute Gründe, den ersten Monat des Jahres 2022 unter dem Motto »Neo« zu feiern und dabei in drei Wochen drei Uraufführungen zu präsentieren. In den einzelnen Programmen treffen diese Premieren auf zum Teil sehr bekannte Spätwerke des Repertoires, die jedoch zur Entstehungszeit kühn, innovativ oder gar revolutionär waren, wie etwa Antonín Dvořáks 9. Sinfonie, Schuberts »Unvollendete« oder Sibelius‘ 7. Sinfonie.

Den Anfang machen zwei Konzerte am 14. und 16. Januar. »Anka Kuşu« ist der türkische Ausdruck für Phönix; und so lautet auch der Titel von Fazıl Says Klavierkonzert zu vier Händen, das Dirigent John Storgards gemeinsam mit den Pianisten-Brüder Arthur und Lucas Jussen aus der Taufe hebt. Eingerahmt wird die Uraufführung von einer skandinavischen Klammer, beginnend mit Carl Nielsens »Helios«-Ouvertüre, die im Dänischen Rundfunk traditionell das neue Jahr einläutet. Sibelius’ Symphonien Nr. 6 und Nr. 7 entstanden nicht nur zeitlich kurz nacheinander, sondern bilden auch wegen ihrer kontrastierenden Charaktere ein komplementäres Paar. Mit beiden Symphonien beschritt Sibelius neue Wege.

Am 19. und 20. Januar wird Semyon Bychkov ein neues Werk von Julian Anderson dirigieren, das von den Münchner Philharmonikern gemeinsam mit den Londoner Proms und dem Cleveland Orchestra in Auftrag gegeben wurde. Inspiration für seine 2. Symphonie fand Anderson in den schwarz-weiß Aufnahmen im Panoramaformat, die der tschechische Fotograf Josef Sudek in den 1950er Jahren in seiner Heimatstadt Prag machte. Ebenfalls in den 1950ern in Prag entstand die unmittelbar bezwingende Orchester-Passacaglia »Geheimnis der Zeit« von Miloslav Kabeláč. In einem groß angelegten Bogen spürt das Werk dem unerschütterlichen Kreislauf von Entstehen und Vergehen nach. Weit entfernt, aber immer noch geprägt von seiner böhmischen Heimat, schrieb Antonín Dvořák seine Symphonie »Aus der Neuen Welt« und betrat damit auch musikalisches Neuland.

Den Abschluss des »Neo«-Monats bilden Konzerte am 27. und 28. Januar. Bei der ersten der zwei Veranstaltungen handelt es sich um ein Jugendkonzert der Münchner Philharmoniker: Die Reihe ist konzipiert für jüngere Hörer*innen, denen die Gelegenheit geboten wird, sich frei von den Konventionen des traditionellen Konzertabends ganz ungezwungen der klassischen Musik zu nähern. Am nächsten Abend folgt ein Abonnementkonzert; beide Male steht die aufstrebende, aus Litauen stammende Dirigentin Giedrė Šlekytė auf dem Pult. Ihr Debüt bei den Münchner Philharmonikern beinhaltet Franz Schuberts »Unvollendete«, ein kühnes Werk voller Geheimnisse und offener Fragen. Grenzen sprengende Kreativität zeichnet die russisch-amerikanische Komponistin Lera Auerbach aus, denn sie ist als Pianistin, Komponistin, Lyrikerin, Schriftstellerin und bildende Künstlerin erfolgreich. Ihr neues Cellokonzert, das an diesem Abend uraufgeführt wird, komponierte Auerbach für Gautier Capuçon, mit dem sie seit längerer Zeit in künstlerischem Austausch steht. Darüber hinaus erklingen Zoltán Kodálys »Tänze aus Galánta«, die von der feurigen Folklore der Sinti und Roma inspiriert sind, sowie am 28. Januar auch »La Valse« von Maurice Ravel.

Das Monatsmotto »Neo« zeigt eine neue Seite der Münchner Philharmoniker, die seit dem Umzug in die Isarphilharmonie besonderes Augenmerk auf zeitgemäße, dynamische Formate legen. Weitere Ur- bzw. Erstaufführungen, die in der aktuellen Spielzeit bereits zu hören waren, stammten beispielsweise von Claudia Montero, Thierry Escaich und Rodion Shchedrin. Gleich Anfang Februar geht es zudem mit »Jazz Factory« weiter: Im Rahmen des Festivals spüren die Münchner Philharmoniker dem Geist der »Roaring Twenties« nach und überwinden musikalische Grenzziehungen zwischen Ernster und Unterhaltender Musik. Spannende Wechselbeziehungen zwischen dem aus Amerika kommenden Jazz und der westlichen Kunstmusik der 1920er bis 40er Jahre sind Ausdruck einer großen musikalischen Experimentierfreude, Offenheit und Neugier. Mit dieser Haltung laden die Münchner Philharmoniker das Publikum zu einem Wochenende ein, das sinfonischen Orchestersound und Jazz Club-Atmosphäre verbindet. An zwei Abenden werden die Münchner Philharmoniker in der Reihe »mphil late« in zwangloser Atmosphäre nach den Konzerten auch wieder in der Halle E des Gasteigs HP8 anzutreffen und in unterschiedlichen Ensembles zu hören sein.