Privileg Kunstfreiheit?

von EVA HUTTENLAUCH

Der Freiheit der Kunst gilt Grundgesetz Artikel 5 III: »Kunst und Wissenschaft sind frei.« Damit scheint alles gesagt. Nachgefragt wird jedoch alles unklar. Welche Freiheit ist gemeint ? Das politische Ideal der Libertas im antik-römischen Sklavenhalterstaat ? Die geistliche Freiheit eines Christenmenschen, die vor Christus gilt, aber weltlich unterm Konfessionszwang steht ? Die Freiheit des Künstlers, als Außen seiter der Gesellschaft zu verhungern ? Die Freiheit wovon oder die Freiheit wozu ? Physische, gedankliche, handelnde Freiheit ? Da sie erst eingefordert, erkämpft, behauptet und gegen die Staatsmacht zugesichert werden muss, ist Freisein offenbar nicht der selbstverständliche, sondern der Sonderfall; letztlich eine Utopie, partiell, aber nie total erreichbar. Bereits das erste Verkehrszeichen setzt ihr Grenzen, von Kerker und Handschelle nicht zu reden. Ahnen wir schon kaum, was Freiheit, was Kunst ist, so wissen wir es noch viel weniger: ein Verabredungsbegriff mit je nach historischer, partikularer, politischer, ästhetischer, kausaler Bedingung wechselnder Geltung. Kunst ist eine Hypostase, die abgehoben vom untergeschobenen gegenständlichen Werk als dessen mitgeführter Gedanke existiert. Als ob jemand gültig bestimmen könnte, was an Malerei, Musik, Dichtung implizit Kunst sei ? Verdächtig viele überheben sich dagegen, zu wissen, was jedenfalls »Keine Kunst« ist, womit sie ihre ideologischen Urteilsprämissen preisgeben.

Kunst jedoch erstellt ihren Begriff zu jeder Zeit, durch jeden Vollzug, mit jedem Urteil neu. In jedem Neuansatz sind alle vorangegangenen aufgehoben. Letztlich fallen die Bedeutungen von Kunst und Freiheit in eins zusammen, nämlich in der Autonomie des tätigen Individuums. Aber kaum ausgesprochen, stößt dieser Gedanke schon an seinen eigenen Widerspruch: Wirkende Kunst verwirklicht sich nur öffentlich, Privatkunst ist eine contradictio in adjecto. Mit dem Pleonasmus der Freien Kunst versucht sie, sich von Angewandter Kunst abzusetzen – aber erfüllt nicht Kunst nur »angewandt« ihren Freiheitsanspruch: öffentlich gezeigt, aufgeführt, deklamiert? Ihr grundsätzlich öffentliches Wesen stützt die These, Kunst sei ein ins Werk gesetzter Prozess mit nachfolgendem Diskurs, ein Frage- und Antwortspiel zwischen Ideengeber und Gesellschaft. In der Seinsbedingung des Öffentlichen kollidiert der Freiheitsanspruch des Individuums mit dem kunstbindenden Sittlichkeitsgebot der Gesellschaft als Kunstpublikum. Die grundgesetzliche Freiheitsgarantie spricht also gar nicht der »Kunst« genannten Fiktion die Freiheitslizenz zu, sondern sie verbietet dem Staat, über Kunstereignisse zu verfügen und ist mithin eine Selbstfesselung des Gesetzgebers. Diesen kleinen Exkurs löste das Wagnis des Titelbildes zu diesem Programmheft aus: es steht dort als eine freiheitliche Seinsform, deren Vielfalt mögliche Gegenbegriffe beweisen: Mauern, Religion, Staat, Liebe, Mangel, Recht, Gefahr, Vorurteil. Allein Kunst kennt keinen Gegen-, nur einen Wechselbegriff: die Freiheit.

 

Die Autorin ist Sammlungsleiterin und Kuratorin für Kunst nach 1945 in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und im Kunstbau München.