Symphonie Nr. 9 d-Moll op. 125

In grünem Frack und schwarzen Satinhosen gekleidet, erschien am 7. Mai 1824 der völlig ertaubte Ludwig van Beethoven im Wiener Kärtnertortheater, um seine 9. Symphonie dem erwartungsvollen Publikum vorzustellen. Seit sechs Jahren hatte er jedes öffentliche Auftreten vermieden. Gesundheitliche Beschwerden, private Enttäuschungen und fehlende Wertschätzung seiner Werke durch die Wiener Öffentlichkeit hatten ihn veranlasst, sich von einer Welt zurückzuziehen, die ihn missverstand und die er buchstäblich nicht mehr verstehen konnte. Trotzdem fällt in diese Zeit die Entstehung eines euphorischen, eines lebensbejahenden Werkes – seiner 9. Symphonie. Das Vorhaben, Schillers »Ode an die Freude« zu vertonen, lässt sich bis in Beethovens Bonner Jugendzeit zurückverfolgen. Und auch der Entschluss, sie in den Schlusssatz einer Symphonie zu integrieren, musste über mehrere Jahre und viele Skizzenblätter hinweg reifen. Ein Geniestreich, um den Beethoven gerungen hat. Dass sich Orchester und Chor zu dem berühmten Freudengesang im letzten Satz zusammenfinden, folgt einem zielgerichteten Plan: Um den finalen Höhepunkt zu erreichen, muss zunächst ein mühseliger Weg zurückgelegt werden, der beim auskomponierten »Nullpunkt« beginnt: bei den leeren Quinten am Anfang des 1. Satzes. Aus diesem statischen »Nichts« erhebt sich ein markantes, roh behauenes Thema, das sich über einer düsteren Szene fortsetzt. Wenig Freundliches auch im 2. Satz, der mit einem Knalleffekt der Pauke beginnt – was in der Uraufführung spontanen Applaus auslöste – und dann Raum gibt für unwirsche Rastlosigkeit. Die Überraschung im Adagio: Eingekeilt zwischen den beiden Spannungsfeldern des dunklen Beginns und des finalen Jubels findet Beethoven hier zu einem wirklichen, in sich gekehrten Ruhepol, wie er in seinem Werk selten zu finden ist. Die Leitung der Uraufführung musste Beethoven in die Hände von Michael Umlauf geben. Auf diesen sind die Augen der Musiker gerichtet, während Beethoven neben ihm auf der Bühne steht und mit übertriebenen Bewegungen mitdirigiert, um so die Töne herauszupeitschen, die er nicht mehr hören kann. Nach dem letzten »Götterfunken« und der davonpreschenden Schlussgruppe bricht ein Begeisterungssturm im Publikum los, von dem Beethoven jedoch nichts bemerkt – bis ihn eine der Solistinnen sanft zum Publikum dreht.