Symphonie Nr. 10 e-Moll op. 93

Nachdem Schostakowitsch bereits 1936 als Reaktion auf seine Oper "Lady Macbeth von Mzensk" vorgeworfen wurde, "Chaos statt Musik" zu schreiben, erhielt er 1948 eine zweite Verwarnung von Seiten der Politgremien. Seine 8. Symphonie sei "aus der Sicht des Volkes" "kein musikalisches Werk, sondern eine Komposition, die mit Musik überhaupt nichts zu tun habe". Bis 1953, dem Jahr von Stalins Tod, schrieb Schostakowitsch dann nur noch politisch unanfechtbare Werke. Erst mit der 10. Symphonie, im Dezember 1953 in Leningrad uraufgeführt, wagte Schostakowitsch als erster Komponist der Sowjetunion, sich den Forderungen von 1948 zu widersetzen und schrieb ein Werk, das von einer Befreiung des menschlichen Geistes und dem Recht des Künstlers auf Unabhängigkeit zeugt. Schostakowitsch sah die Symphonie als einen "Beitrag für den Frieden der Welt" - der Komponistenverband dagegen kritisierte in einer dreitägigen Debatte die dunkle Grundstimmung der ersten drei Sätze und die "gekünstelte Fröhlichkeit" des Finales. Formal greift Schostakowitsch in seiner Zehnten auf die klassische Viersätzigkeit zurück, was sich vor allem in den in Sonatenform konzipierten Ecksätzen zeigt. Im zweiten Satz, einem diabolischen Scherzo, porträtierte er angeblich "das schreckliche Gesicht von Stalin". Sein neues künstlerisches Selbstbewusstsein demonstriert Schostakowitsch hier auch in Tonsymbolen verschlüsselt: das in den Sätzen 3 und 4 häufig wiederkehrende Motiv d-es-c-h ergibt in deutscher Transkription die Anfangsbuchstaben des Komponistennamens.