Symphonie Nr. 9 e-Moll op. 95 "Z nového sveta" (Aus der Neuen Welt)

Ein außergewöhnliches Angebot lockte Antonín Dvořák Ende des 19. Jahrhunderts nach New York. Die millionenschwere Jeanette Thurber schlug dem böhmischen Komponisten vor, die Leitung des von ihr gegründeten National Conservatory of Music in New York zu übernehmen. Für ein Gehalt, das sein bisheriges Einkommen um ein Vielfaches übertraf, sollte Dvořák amerikanische Komponisten unterrichten und der jungen Nation den Weg zu einer »Nationalmusik « weisen. Dvořák stand nun vor der Frage, was musikalisch als individuell amerikanisch bezeichnet werden kann. Auf der Suche nach einem authentisch amerikanischen Ton in der Musik vertraute er auf die Macht des Volkslieds: »Eine jede Nation hat ihre Musik. Es gibt italienische, deutsche, französische, tschechische und russische Musik, warum nicht auch amerikanische Musik? Die Wahrhaftigkeit dieser Musik hängt von ihren Charakterzügen, von ihrer Farbe ab. Ich meine damit nicht, dass man die Melodien von den Plantagen, den kreolischen oder südlichen, einfach nehmen und sie als Thema verarbeiten sollte, das ist nicht meine Absicht. Aber ich studiere bestimmte Melodien so lange, bis ich soweit durchdrungen bin von ihren charakteristischen Zügen«. Dass einige Elemente, die Dvořák bei seiner Suche nach dem amerikanischen Ton ausfindig machte, den musikalischen Erfahrungen aus seiner Heimat nicht unähnlich waren, kam ihm zupass: Die Pentatonik, die besonders die berühmte Englischhorn-Melodie im Adagio bestimmt, ist sowohl in der slawischen wie in der amerikanischen Volksmusik zu finden, auch die vielen rhythmischen Überraschungen im Kopfsatz reflektieren böhmische Folklore ebenso wie Spirituals. Dvořáks Symphonie »Aus der neuen Welt« charakterisiert mehr als alles andere die Synthese verschiedener musikalischer Einflüsse. Doch viel wesentlicher ist, dass Dvořák mit der Hinwendung zum zyklischen Gestaltungsprinzip die einzelnen Sätze motivisch-thematisch miteinander verbindet. In allen Sätzen findet sich das Kopfmotiv des Hauptthemas aus dem ersten Satz, und vor dem Ende des Finales erscheinen noch einmal sämtliche wichtigen Themen der Symphonie. Viele Jahre nach der sensationellen Uraufführung von Dvořáks »Neunter« stellte Mrs. Thurber befriedigt fest: »Wenn ich auf meine 35-jährige Tätigkeit als Präsidentin des amerikanischen Konservatoriums zurückblicke, dann gibt es nichts, worauf ich so stolz wäre, wie darauf, dass es mir gelungen ist, Dr. Dvorak nach Amerika zu bringen. Ich hatte das Privileg, einem der symphonischen Meisterwerke der Welt den Weg zu ebnen.« Dem möchte man nicht widersprechen!