Konzert für Violine und Orchester d-Moll WoO 23

Die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte dieses Werks ist äußerst seltsam und geprägt von Legenden, Unterstellungen und Missverständnissen. Die Uraufführung des neuen Konzerts war für den 27. Oktober 1853 im 1. Abonnementkonzert des von Schumann geleiteten Düsseldorfer »Allgemeinen Musikvereins« angekündigt. Doch aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen wurde die Uraufführung auf Wunsch des Konzertkomitees zurückgestellt. Danach gab es für Schumann keine Gelegenheit mehr, sein Konzert selbst aufzuführen, denn das im November 1853 eskalierende Zerwürfnis mit dem Konzertkomitee und die Aufkündigung seiner Dirigierverpflichtungen ließen keine entsprechende Programmplanung mehr zu und der Selbstmordversuch Schumanns am 27. Februar 1854 und seine anschließende Einlieferung in eine Nervenheilanstalt in Endenich bei Bonn verhinderten jede erneute Beschäftigung mit dem Werk. Clara und Brahms verzichteten darauf, das Werk in die ab 1879 erscheinende Gesamtausgabe der Werke Schumanns aufzunehmen. Sie verfügten sogar, das Werk solle frühestens 100 Jahre nach Schumanns Tod veröffentlicht werden. Dass es schließlich doch nicht so lange dauerte, bis das Werk erstmals zu hören war, lag vor allem an den Bemühungen von Georg Schünemann, der seit 1935 die Musikabteilung der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin leitete; dort hütete man Schumanns Manuskript, das von den Erben Joseph Joachims erworben worden war. 1937 druckte der Schott-Verlag die Partitur und bot dem jungen Geiger Yehudi Menuhin die Uraufführung an. Doch das ließen die Nationalsozialisten nicht zu; für sie kam nur ein deutscher Geiger in Frage. Für das »Dritte Reich« war die Uraufführung ein Pressecoup, mit dem eine betont »deutsche« Alternative zum verfemten e-Moll-Violinkonzert op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy präsentiert werden sollte. In einem Konzert der Berliner Philharmoniker unter Leitung von Karl Böhm spielte Georg Kulenkampff den Solopart. Wenig bekannt war damals, dass es sich nicht um die Originalpartitur Robert Schumanns handelte, die hier zur Aufführung kam, sondern um eine Bearbeitung, die kein Geringerer als Paul Hindemith angefertigt hatte – anonym, da er selbst ein Verfemter des »Dritten Reiches« war…