Symphonie Nr. 2 "Prague Panoramas", Uraufführung und Auftragswerk der Münchner Philharmoniker, The Cleveland Orchestra und BBC Radio 3

Welches Recht hat jemand, der kein Tscheche ist und das Land noch nie besucht hat, ein großes symphonisches Werk zu komponieren, das von diesem Land, seinen Landschaften und seiner Kultur inspiriert ist? Der britische Komponist Julian Anderson, Professor für Komposition an der Guildhall School of Music, hegt seit seiner Jugend, ausgehend von Komponisten wie Dvořák, Smetana und Janáček, ein großes Interesse für böhmisch-tschechische Geschichte und Kultur. Das Land selbst zu erkunden, blieb ihm bisher verwehrt – zweimal scheiterten seine konkreten Reise-Pläne, einmal aufgrund einer Erkrankung, beim zweiten Versuch kam der Corona-Lockdown dazwischen.

2005 hatte Anderson eine Ausstellung in der Londoner Photographers’ Gallery besucht. In einem der Ausstellungsräume entdeckte er einen länglichen Bildband mit schwarzweiß-Ansichten von Prag, Fotografien im Panorama-Format von der Moldau, der Prager Burg und dem Veitsdom. »Die atemberaubende Schönheit und fast malerische Komposition der Fotografien raubte mir den Atem. Ich erlebte einen Schock: einen Schock, der mir sagte, dass eine neue Komposition begonnen hatte«, berichtet Anderson. Die Bilder, die diesen Schock ausgelöst hatten, stammen von dem legendären tschechischen Fotografen Josef Sudek, der mit seinem 1959 erschienen Band »Praha Panoramatická« Panorama-Aufnahmen von Prag und dem Prager Umland veröffentlichte. Anderson war fasziniert von den Bildern. Die Erhabenheit der Fotografien übersetzte er gedanklich in orchestrale Klänge und Texturen. »Da wurde mir klar, dass, wenn ich jemals von Praha Panoramatická inspirierte Musik schreiben sollte, es ein substanzielles Werk sein müsste.« Doch die Idee wurde wegen anderer Projekte zurückgestellt. Erst als der Kompositionsauftrag von der BBC, den Münchner Philharmonikern und dem Cleveland Orchestra erfolgte, nahm das Vorhaben, eine von Sudeks Panorama-Fotografien inspirierte Symphonie zu schreiben, konkret Gestalt an. Für die Hauptthemen der Symphonie blickte Anderson noch tiefer in die böhmische Kulturgeschichte. Sie sind dem St.-Wenzels-Choral entlehnt, einem mittelalterlichen Bittgesang an den Schutzpatron Böhmens.