Semyon Bychkov

credit Umberto Nicoletti

Der 1952 in St. Petersburg geborene Dirigent Semyon Bychkov emigrierte 1975 in die USA und hat seit Mitte der 1980er Jahre seinen Lebensmittelpunkt in Europa. Als Zwanzigjähriger gewann er den Rachmaninow-Dirigierwettbewerb. Dass ihm der Preis, die Leningrader Philharmonie zu dirigieren, vorenthalten wurde, trug zu seiner Entscheidung bei, zwei Jahre später die ehemalige Sowjetunion zu verlassen. Dort war er bereits im Alter von 5 Jahren für eine besonders privilegierte musikalische Erziehung ausgewählt worden: Zunächst lernte er Klavier, wurde dann von der Glinka-Chorschule aufgenommen und erhielt seinen ersten Dirigierunterricht mit 13. Vier Jahre später wechselte er ans Leningrader Konservatorium und studierte Dirigieren beim legendären Ilya Musin.

Zu dem Zeitpunkt, als Bychkov 1989 als Erster Gastdirigent des Philharmonischen Orchesters nach St. Petersburg zurückkehrte, wurde er in den USA bereits als Music Director des Grand Rapids Symphony Orchestra und des Buffalo Philharmonic Orchestra gefeiert. Seine internationale Karriere, die in Frankreich mit Debüts an der Opéra de Lyon sowie beim Festival in Aix-en-Provence begonnen hatte, nahm durch Einspringen beim New York Philharmonic, den Berliner Philharmonikern und dem Concertgebouw Orchester Amsterdam rasant an Fahrt auf. Er wurde Chefdirigent des Orchestre de Paris (1989), Chefdirigent des WDR Sinfonieorchesters Köln (1997) und Chefdirigent der Semperoper Dresden (1998).

Bychkovs Repertoire ist umfassend, sowohl in Oper wie in der Sinfonik. Er dirigiert in allen führenden Häusern, wie La Scala, Opéra national de Paris, Dresden Semperoper, Wiener Staatsoper, Metropolitan Opera, Royal Opera House, Covent Garden und Teatro Real Madrid. Während seiner Zeit als Erster Gastdirigent des Maggio Musicale in Florenz wurden viele seiner Produktionen mit dem prestigeträchtigen Abbiati-Preis ausgezeichnet.

Auf der Konzertbühne hat Bychkovs Herangehensweise, eine angeborene Musikalität mit der Strenge russischer Pädagogik zu kombinieren dazu geführt, dass seine Auftritte mit Spannung erwartet werden. Im Vereinigten Königreich tritt er regelmäßig mit dem London Symphony Orchestra auf und seine Ehrentitel von der Royal Academy of Music und dem BBC Symphony Orchestra, mit dem er jedes Jahr bei den BBC Proms zu erleben ist, zeugen von einer besonders engen und warmherzigen Beziehung. Gemeinsame Tourneen verbinden ihn auch mit dem Royal Concertgebouw Orchestra, den Wiener Philharmonikern und den Münchner Philharmonikern. Als Gastdirigent kehrt er jedes Jahr zu den Berliner Philharmonikern, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Orchestre National de France und der Accademia Nazionale di Santa Cecilia zurück. In den Vereinigten Staaten ist er regelmäßig mit New York Philharmonic, Chicago Symphony, Los Angeles Symphony, Philadelphia und dem Cleveland Orchestra zu erleben.

Obschon Bychkov vor allem für seine Interpretationen des Kernrepertoires bekannt ist, verbanden ihn in der Vergangenheit stets auch intensive Arbeitsbeziehungen mit außergewöhnlichen zeitgenössischen Komponisten, darunter Luciano Berio, Henri Dutilleux und Maurizio Kagel. In letzter Zeit arbeitete er eng mit Renée Staar, Thomas Larcher, Richard Dubignon, Detlev Glanert und Julian Anderson zusammen und dirigierte die Premieren ihrer Werke mit den Wiener Philharmonikern, New York Philharmonic, dem Royal Concertgebouw und dem BBS Symphony Orchestra bei den BBC Proms.

In 1986 begann Bychkov seine Zusammenarbeit mit Philips, wodurch in der Folge Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks, dem Concertgebouw Orchester, dem Philharmonia Orchestra, dem London Philharmonic Orchestra und dem Orchestre de Paris entstanden sind. Später ging aus seiner 13-jährigen Zusammenarbeit mit dem WDR Sinfonieorchester (1997-2010) eine Serie bahnbrechender Aufnahmen hervor. 2010 wurde Bychkovs Aufnahme des „Lohengrin“ vom BBC Music Magazine als „Record of the Year“ ausgezeichnet, seine im Juni 2017 erschienene Einspielung von Franz Schmidts Sinfonie Nr. 2 wurde als „Record of the Month“ ausgewählt.

Von den International Opera Awards wurde er zum „Dirigenten des Jahres 2015“ gekürt.

Semyon Bychkov wurde kürzlich zum neuen Musikdirektor und Chefdirigenten der Tschechischen Philharmonie ernannt und tritt diesen Posten mit Beginn der Saison 2018/19 an. Nach seinen ersten Konzerten mit der Tschechischen Philharmonie in 2013 entwickelte Bychkov mit dem Orchester das „Tschaikowsky Projekt“ – eine Serie von Konzerten, Residenzen und Studioaufnahmen, die allen die Gelegenheit schenkte, die Musik Tschaikowskys gemeinsam zu erforschen, sowohl im Prager Rudolfinum wie auch auswärts auf Reisen.