Steve Reich

Mitte der 1960er Jahre machte der amerikanische Komponist Steve Reich eine folgenschwere Entdeckung: Er stellte fest, dass Tonbandschleifen mit dem exakt gleichen musikalischen Material auf zwei unterschiedlichen Tonbandgeräten nie genau synchron liefen, sondern allmählich außer Phase gerieten. Dieser Vorgang einer allmählichen Phasenverschiebung wurde zur Geburtsstunde der sogenannten »Minimal Music« und für Steve Reich zum zentralen kompositorischen Ansatz seines gesamten frühen Schaffens. Die Beobachtung, die er in seinem New Yorker Studio gemacht hatte und die zunächst wie eine bloße technische Spielerei erschien, sollte zu einer der maßgeblichen Stilrichtungen der Neuen Musik im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts führen. Aufgrund seiner intensiven Beschäftigung mit diesem Verfahren zählt Steve Reich zu den wichtigsten Vertretern der repetitiven Musik. Reichs Hinwendung zur »Minimal Music« steht im Zusammenhang mit seiner Kritik am sog. Serialismus. Bei dieser damals vorherrschenden, sich von Schönbergs Reihentechnik ableitenden Richtung vermisste er die Verbindung zwischen kompositorischem Prozess und hörbarem Ergebnis.

Am 3. Oktober 1936 in New York City geboren, widmete sich Reich [eigentlich: Stephen Michael Reich] zunächst der Philosophie, bevor er sich der Musik zuwandte. Er studierte an der renommierten Juilliard School of Music in seiner Heimatstadt sowie am Mills College in Kalifornien. Zu seinen Lehrern gehörten Darius Milhaud und Luciano Berio. Nachdem Reich seine Phasenverschiebungs-Modelle erfolgreich auf herkömmliche Instrumente übertragen hatte, verzichtete er fortan auf den Einsatz elektronischer Geräte. Die nun folgenden Kompositionen ähneln sich in ihrer Struktur: Zwei oder mehrere Instrumente beginnen zusammen im Unisono. Eine fast unmerkliche Tempodifferenz erzeugt zunehmend rhythmische Verschiebungen, bis nach einiger Zeit alle Instrumente wieder die gleiche Phase erreichen. Daraufhin kann das Geschehen, möglicherweise mit einem veränderten Grundmotiv, von vorn beginnen. Dieses Verfahren differenzierte Reich immer weiter. Durch den Einsatz mehrerer Instrumente erzielte Steve Reich hochkomplexe Gitter aus vielfältigsten rhythmischen Strukturen.