Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35

"Zum ersten Male in meinem Leben fühlte ich mich gezwungen, ein neues Werk zu beginnen, ohne das vorhergehende abgeschlossen zu haben. Bisher hielt ich mich fest an die Regel, niemals eine neue Arbeit anzufangen, solange die alte nicht beendet war. Aber diesmal geschah es, dass ich die Lust in mir nicht bezwingen konnte...", schrieb Peter Tschaikowsky am 19. März aus dem schweizerischen Kurort Clarens an seine Gönnerin Nadeshda von Meck. Die Komposition, die ihn in ihren Bann gezogen hatte und ihn darüber eine andere, nämlich die Klaviersonate G-Dur op. 37, erst einmal vergessen ließ, war das Violinkonzert D-Dur op. 35. Tschaikowsky brauchte von den ersten Skizzen bis zur kompletten Instrumentierung nur einen knappen Monat - und das, obwohl er den zweiten Satz gleich doppelt schrieb. Denn den ursprünglichen Mittelsatz, den er später unter dem Titel "Méditation" für Violine und Klavier veröffentlichte, ersetzte er zum Schluss durch die knappere und kürzere "Canzonetta". Ein schneller, fast möchte man sagen, rauschhafter Schaffensprozess, der signalisierte, dass Tschaikowsky das gesundheitliche und seelische Tief überwunden hatte, in das er durch seine Heirat mit seiner ehemaligen Schülerin Antonina Miljukowa geraten war. Die im Juli 1877 geschlossene Ehe, die sich für Tschaikowsky als fürchterlicher Irrtum herausstellte und ihn in eine schwere Nervenkrise stürzte, wurde bereits nach drei Monaten wieder geschieden. Anschließend ermöglichte ihm Nadeshda von Meck eine längere Auslandsreise, auf der er sich von den nervlichen Anspannungen erholen und wieder neue Kraft zum Komponieren sammeln sollte. Er trat sie in Begleitung seines Bruders Modest und dessen Schülers Nikolaj Konradi im Oktober 1877 an.