Symphonie Nr. 1 D-Dur op. 25 "Symphonie classique"

Wie kommt 1917 ein junger russischer Komponist, ein »enfant terrible« aus den Reihen der musikalischen Avantgarde, auf die scheinbar verwegene Idee, seiner 1. Symphonie das Beiwort »klassisch« zu verleihen? Über die Wahl dieses Titels schrieb Prokofjew in seiner Autobiographie: »Als sie anfing, reale Formen anzunehmen, nannte ich sie ›Klassische Symphonie‹: Erstens ist es so einfacher, zweitens aus Übermut, um die Philister zu ärgern, und in der stillen Hoffnung, dass ich letzten Endes dabei gewinne, wenn die Symphonie sich im Laufe der Zeit wirklich als klassisch erweisen sollte.« Die klare und heitere, am klassischen Vorbild Haydns orientierte Tonsprache, die Prokofjew hier anschlägt, überraschte. Bekannt war er um 1917 als Komponist von Werken ganz anderer Art. »Von der Musik Debussys geht ein Aroma aus, aber von dieser ein Gestank!« – kommentierte der Konzertorganisator und Dirigent Alexander Siloti die skandalöse Uraufführung von Prokofjews 2. Klavierkonzert.

Vielleicht lässt sich Prokofjews kurzzeitige Rückkehr zu den klassischen Idealen auch als eine Art Atemholen, eine Verdrängung der politischen Ereignisse kurz vor der Oktoberrevolution erklären. Es gibt jedoch noch andere, rein musikalische Beweggründe: »Es schien mir, dass Haydn, wenn er jetzt noch lebte, seine eigene Art des Komponierens beibehalten und gleichzeitig etwas von dem Neuen übernommen hätte. Solch eine Symphonie wollte ich komponieren: eine Symphonie im klassischen Stil.«

Unter diesen Prämissen und in der Abgeschiedenheit eines Landhauses in der Nähe von St. Petersburg vollendete Prokofjew im Sommer 1917 eine Symphonie, die vom Esprit Haydns durchdrungen ist und doch in jedem Takt Prokofjews ganz eigenen Stil verrät. Klassisch maßvolle, einfache Faktur und transparente Instrumentierung gehen einher mit verblüffender Harmonik und kapriziöser Rhythmik; Stil- und Formelemente der Klassik verbinden sich ganz nonchalant mit denen des Barock, und über allem liegt ein Ausdruck von jugendlichem Optimismus und Übermut sowie ein Hauch feiner Ironie, der den Anspruch ehrfürchtiger Nachahmung von vornherein negiert.

Vorausblickend hatte Giuseppe Verdi in seinen letzten Lebensjahren erklärt: »Kehren wir zurück zu den alten Meistern – das wird ein Fortschritt sein!« Keine zwei Jahrzehnte später löste Prokofjew diese Prophezeiung mit seiner »Klassischen Symphonie« ein und wurde damit, noch bevor (!) Strawinsky sein Pergolesi-Pasticcio »Pulcinella« komponierte, zum Wegbereiter des Neoklassizismus.