Symphonie Nr. 1 e-Moll op. 39

Sibelius erste Symphonie in e-Moll op. 39 könnte als kompositorische Zusammenfassung seiner Schaffensperiode der 1890er Jahre und gleichzeitig als Beginn einer neuen kompositorischen Ausrichtung gelten. Als Sibelius im April 1898 in Berlin mit der Arbeit an seiner ersten Symphonie begann, orientierte er sich nicht mehr wie bei vielen seiner bisherigen Werke an ein programmatisches Programm. Auch seine ursprünglichen Pläne für Opern wurden nicht realisiert. Stattdessen begab er sich mit der ersten Symphonie in neue programmatisch freigesprochene kompositorische Gewässer. Die Zeit der von der finnischen Sagenwelt inspirierten Symphonie „Kullervo“ schien vorüber zu sein. Die Gattung als solche trat nun in den Vordergrund und eröffnete für Sibelius und seine Musik auch einen neuen allgemeineren Markt, der sich einer vereinfachenden finnischen Zuordnung entzog.

Für Sibelius erste Symphonie sollte man nicht nur seinen persönlichen „finnischen“ Ton fokussieren, sondern auch Einflüsse russischer Musik berücksichtigen. Auch wenn Russland als unterdrückende Besatzungsmacht Finnlands auftrat, existierte ein reger kultureller Austausch, der sich bei Sibelius auch musikalisch manifestierte. Vieles scheint in dieser ersten Symphonie an Borodin zu erinnern und auch durch harmonische Eigenheiten, wie Akkordverbindungen und modale Effekte, lassen sich Parallelen zur russischen Musik ziehen.

Außergewöhnlich für den Beginn einer Symphonie ist der solistisch monologisierende Einsatz der Klarinette, welche lediglich von Paukenschlägen begleitet wird. Sibelius schafft eine dramatische Stimmung, die in ihrem urwüchsigen direktem Ton noch Erinnerungen an seinen „Kullervo" hervorruft. Der melodisch espressive zweite Satz scheint im Gegensatz zur bedrohlicheren Stimmung des ersten Satzes zu stehen. Schroff und direkt gestaltet Sibelius musikalisch das Scherzo. Kraftvoll, geheimnisvoll, bedrohlich, düster und eher an ein dramatisches Operngeschehen erinnernd, beschließt Sibelius mit durchdringender musikalischer Intensität sein Werk.