Symphonie Nr. 5 B-Dur

"Nirgends hat der Componist sich so rücksichtslos seinem ungestüm durch die Wolken jagenden Pegasus überlassen, vielleicht kein zweites Werk hat er so völlig unbekümmert um die herkömmlichen Maße und Ziele, um die Aufnahmefähigkeit normal veranlagter Hörer geschrieben als dieses", vermerkte der Musikkritiker Theodor Helm um 1900 zu Anton Bruckners 1875/76 entstandener 5. Symphonie. Und in der Tat dauerte es bis 1935, bis das Werk durch Siegmund von Hausegger in München erstmals der musikalischen Öffentlichkeit in der von Bruckner komponierten Form vorgeführt wurde. Zwar hatte Bruckner, ganz im Gegensatz zu seinen sonstigen Gepflogenheiten, die Symphonie nur in einer einzigen Fassung vorgelegt, doch hatten sich diesmal andere daran gemacht, das Werk "zu verbessern" oder für ein größeres Publikum "verdaulich" zu machen. Denn viele hielten eine Aufführung des Werkes in der Bruckner´schen Fassung, wie Theodor Helm es formulierte, "einem Durchschnittspublicum wie etwa unserem philharmonischen gegenüber zur Zeit noch für kaum räthlich." Das besondere Charakteristikum, das das Werk im Vergleich zu anderen Symphonien Bruckners schwerer hörbar macht, liegt in der Kompositionstechnik begründet. Anders als die anderen Symphonien ist die Fünfte durch das kompositionstechnische Prinzip der permanenten Durchführung geprägt, so dass kein Thema in der gleichen Gestalt wiederkehrt und damit die Wiedererkennbarkeit aller Themen für den Hörer erschwert wird. Dennoch wurde der besondere musikalische Gehalt der Symphonie bereits 1894 bei der Grazer Uraufführung (in der nicht authentischen Fassung des Dirigenten und Bruckner-Schülers Franz Schalk) von dem Musikkritiker Julius Schuch erkannt und gewürdigt, der sie weitblickend als "Zukunfts-Symphonie" apostrophierte.