„Hilfe, ein Verrückter!“, rief nach der Uraufführung des „Boléro“ eine ältere Dame im Publikum aus, was Maurice Ravel trocken kommentiert haben soll: „Die hat mich verstanden.“ Verrückt – im Sinne von alles auf den Kopf stellen, alle Konventionen über Bord werfen – ist der „Boléro“ tatsächlich. Mit einer radikalen Beharrlichkeit ignoriert Ravel die vielleicht wichtigsten Merkmale der europäisch-abendländischen Kunstmusik, wie kontrapunktische Mehrstimmigkeit, Themenentwicklung und Modulation. Stattdessen insistiert er über 300 Takte auf dem immerfort gleichen Rhythmus, über dem zwei Melodien, die sich noch dazu wie Schwestern ähneln, in Endlosschleife 18 Mal wiederholt werden. Von den vielen Stellschrauben, die ein Komponist bei der Fortentwicklung einer musikalischen Idee bedienen kann, dreht Ravel nur an zweien: an der für die Dynamik und an der für die Instrumentierung. Der „Boléro“ ist mit einer Aufführungsdauer zwischen 16 und18 Minuten das wohl längste Crescendo der Musikgeschichte. Vom leise gezupften und getupften Anfang schwillt die Lautstärke allmählich zum klangmächtigen Orchester-Fortissimo an. Mit der zweiten Stellschraube verändert Ravel die Klangfarbe, und zwar mit jeder Themen-Wiederholung. Spielen im ersten Abschnitt die verschiedenen Holzbläser noch solistisch, erscheint bald jede Wiederkehr in raffinierten und immer vielfältiger werdenden Instrumentenkombinationen. Sogar die im Dauereinsatz spielende kleine Trommel erhält klangfarbliche Unterstützung. Trotz des monotonen, wie auf einem Reißbrett geplanten Aufbaus entwickelt der „Boléro“ eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann. Erst kurz vor Schluss streut Ravel Sand ins Getriebe. Ein abrupter Tonartenwechsel und grelle Dissonanzen sprengen den Automatismus. Der „Boléro“ endet nicht in einem prächtigen, sondern in einem zerstörerischen Schluss, als sei der Antriebsmechanismus unter der ständig wachsenden Belastung zerborsten. Die anhaltende Begeisterung, mit der das Publikum seinem „Boléro“ begegnete, hat Ravel übrigens nie verstanden. Gegenüber seinem Kollegen Arthur Honegger äußerte er: „Mein Meisterwerk? Der ‚Bolero’, ganz klar! Leider enthält er keinen Ton Musik“.
Maurice Ravel wurde am 07. März 1875 in Ciboure, Basses-Pyrénées, geboren. 1897 trat Ravel in die Kompositionsklasse von Gabriel Fauré ein, daneben studierte er Kontrapunkt, Fuge und Orchestration bei André Gedalge.
Gemessen an der Zahl der…