Der 1947 im amerikanischen Worcester geborene John Adams unterscheidet sich in mancher Hinsicht von seinen komponierenden Zeitgenossen. Seine Musik kennt rhythmischen »Drive« und traditionelle Harmonien, die auf ungewöhnliche Weise miteinander verbunden werden. Er hat im Unterschied zu vielen seiner Kolleg*innen großen Erfolg mit seinen Werken und gehört zu den meistgespielten Komponisten der Gegenwart. Sein Orchesterstück mit dem kuriosen Titel »Harmonielehre« entstand in den Jahren 1984/1985 und erlebte seine Uraufführung im März 1985 in San Francisco. Der Titel des gut 40-minütigen Werkes verweist paradoxerweise auf das gleichnamige Lehrbuch Arnold Schönbergs – eine auf den ersten Blick sonderbare Reverenz, denn die amerikanischen Minimalisten sahen ja gerade in Schönberg den Auslöser einer musikalischen Entwicklung, die sie ästhetisch bekämpften. Die von Schönberg eingeführte Zwölftontechnik, die keine Wiederholungen erlaubte, war in gewisser Weise sogar das Gegenstück der Minimal Music, die auf allmähliche Prozesse, Repetitionen und rhythmische »patterns« setzte. »Schönberg zurück-zuweisen, erschien vielen als Verbrüderung mit den musikalischen Philistern. Die Befreiung von der Musik, die Schönberg repräsentiert, war für mich ein Akt äußerster Willensstärke«, sagt Adams. So ist der Hinweis auf die »Harmonielehre« Arnold Schönbergs im Titel von Adams’ Werk in erster Linie ironisch zu verstehen.
Komponist, Dirigent, kreativer Vordenker – John Adams nimmt in der US-amerikanischen Musikwelt eine singuläre Stellung ein. In der zeitgenössischen klassischen Musik ragen seine Werke, seien es sein symphonisches Schaffen oder seine Opern, mit ihrer…