Obwohl Hans Werner Henze in den mehr als sechzig Jahren seines kompositorischen Wirkens für nahezu alle Gattungen geschrieben hat, vom Lied bis zur Symphonie, vom Streichquartett bis zum Oratorium, bilden seine Werke für das Musiktheater unbestritten den Grundpfeiler seiner Arbeit. Bereits in frühen Jahren entfernt er sich mit seiner musikalischen Sprache immer weiter von der Avantgarde jener Jahre. Das serielle Denken, das vor allem von den Wortführern Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen propagiert wird, liegt Henze nicht. Dies geht so weit, dass Boulez, Nono und Stockhausen bei der Uraufführung von »Nachtstücke und Arien« (auf Gedichte von Ingeborg Bachmann) entrüstet nach wenigen Takten den Saal verlassen. Fortan gilt Henze unter den Avantgardisten als eine Art Verräter, was seinem Erfolg, vor allem als Opernkomponist, freilich keinen Abbruch tut. »Sebastian im Traum« zählt zu den späten Gedichten des in Salzburg geborenen Trakls und wird erst nach seinem frühen Tod veröffentlicht. Das dreiteilige Poem, dem Architekten Adolf Loos gewidmet, wirkt mit den vorherrschenden Themen Tod, Vergänglichkeit und Erlösung wie eine Quintessenz des Trakl’schen Denkens. »Sebastian im Traum« ist keine klassische Gedichtvertonung, sondern eine freie Orchesterphantasie über die Verse des Lyrikers. Analog zum Poem Trakls komponiert Henze eine Abfolge traumartiger musikalischer Sequenzen. Der Untertitel »Nachtmusik« verweist hier weniger auf die Tradition des nächtlichen Ständchens des späten 18. Jahrhunderts, sondern auf die Sphäre von Abschied, Finsternis und Tod.
– Martin Demmler
Hans Werner Henze wurde am 1. Juli 1926 in Gütersloh geboren. Er begann seine musikalische Ausbildung an der Staatsmusikschule Braunschweig. Als Kind erlebte er die Angriffe der Nationalsozialisten auf die moderne Musik, Kunst und Literatur. Nach…