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Antonio Vivaldi

Antonio Vivaldi legte ein überaus reiches kompositorisches Schaffen vor, zu dem nicht weniger als weit über 200 Konzerte allein für die Violine zählen. Der Grund für diese enorme Gattungsproduktion hängt maßgeblich mit Vivaldis Anstellung ab 1703 als »maestro di violino« am Ospedale della Pieta zusammen, einem der vier großen Heime Venedigs und zugleich Musikschule für Waisenmädchen. Die Institution sollte unter der späteren Führung Vivaldis (ab 1716 »maestro de’ concerti«) europaweit für Staunen und Euphorie sorgen. Zahlreiche Berichte von Italienreisenden sind überliefert, die von den außerordentlichen Leistungen des Mädchenorchesters kundgeben. »Die Kapelle ist immer voller Musikliebhaber«, so berichtet kein Geringerer als der Philosoph Jean-Jacques Rousseau. »Selbst die Sänger der venezianischen Oper kommen, um nach diesen hervorragenden Vorbildern einen echten Gesangsgeschmack zu entwickeln. Was mich betrübte, waren diese verfluchten Gitter, die nur Töne durchließen und die Engel der Schönheit verbargen, deren sie würdig waren.« Dahinter steht die sittliche Vorsichtsmaßnahme, sich nicht auf die äußerliche Überzeugungskraft der jungen Damen, sondern allein auf die Musik einzulassen. Besucher wie der französische Politiker Charles de Brosses, denen trotz Sichtschutz ein Blick auf die Musikerinnen vergönnt war, gerieten dadurch umso mehr in Entzückung: »Sie sind wie Nonnen im Kloster«, schreibt de Brosses in einem Brief. »Sie allein treten auf, und an jedem Konzert nehmen etwa 40 Mädchen teil. Ich schwöre Ihnen, dass es nichts Schöneres gibt als den Anblick einer jungen und hübschen Nonne in einem weißen Gewand, mit einem Strauß Granatapfelblüten über dem Ohr, die das Orchester dirigiert und den Takt mit aller Anmut und Präzision schlägt, die man sich nur vorstellen kann.« So erfolgreich die Außenwirkung erscheint, so problematisch gestalten sich mitunter die internen Beziehungen: Ganz bruchlos ist das Verhältnis zwischen den Ospedale-Verantwortlichen und ihrem Lehrer Vivaldi nämlich nicht. Nach dreizehn Jahren Dienstzeit wird Vivaldi plötzlich unehrenhaft entlassen. Was war geschehen? Bis heute sind die Gründe für den Rauswurf in der Musikforschung nicht eindeutig geklärt. Untätig- oder gar Gesetzlosigkeit kann man Vivaldi jedenfalls nicht vorwerfen – im Gegenteil: Sein musikalischer Einsatz für das Ospedale, welches unter seiner Ägide zu einem Spitzenorchester arriviert, wird von allen Seiten gelobt und auch mit Extrazahlungen honoriert. Doch scheint den Mächtigen der venezianischen Verwaltung die Umtriebigkeit ihres »maestro «, der zugleich Priester ist, Anlass zur Intervention zu geben. Ein Lehrer und Geistlicher, der zugleich europäische Sensationserfolge als weltlicher Opern- und Instrumentalkomponist feiert? Das konnte kaum angehen, und so entlässt man Vivaldi angeblich aus rein finanziellen Gründen. Doch dauert es keine zwei Jahre, bis der Meister 1711 aufgrund seines Renommees zurückbeordert und darüber hinaus auch noch befördert wird. Von da an bleibt Vivaldi dem Ospedale für viele Jahre treu und sorgt in dieser Wirkungszeit gerade auch aufgrund seiner Beiträge zur Gattung Konzert für sensationelle Erfolge. Um 1730 setzte ein Wandel des Musikgeschmacks ein. Vivaldis Kompositionen sprachen das venezianische Publikum immer weniger an. Wahrscheinlich deshalb zog er 1740 nach Wien, um Unterstützung bei Kaiser Karl VI. zu suchen, der jedoch schon im Oktober 1740 starb. Der einstmals bekannteste Musiker Europas blieb in Wien unbeachtet von der Musikwelt, er starb zehn Monate nach seiner Ankunft in Wien und wurde am 28. Juli 1741 in einem einfachen Grab auf dem Spitaller Gottsacker vor dem Kärntnertor beigesetzt.