Wenn von »Wunderkindern« in der Musik die Rede ist, denken die meisten wohl zuerst an Wolfgang Amadeus Mozart, der mit fünf Jahren schon zu komponieren begann. Ein ernsthafter Konkurrent erwuchs ihm ein halbes Jahrhundert später mit Felix Mendelssohn, der als Elfjähriger seine ersten Werke schrieb und mit 17 die geniale Ouvertüre zum »Sommernachtstraum« schuf. Der dritte bemerkenswerte Kandidat aber ist Erich Wolfgang Korngold, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Größen seiner Zeit zum Staunen und Schwärmen brachte. »Ein Genie!«, soll Gustav Mahler ausgerufen haben, als ihm der neunjährige Korngold im Juni 1906 eigene Stücke auf dem Klavier vorspielte. Der Dirigent Arthur Nikisch, damals Chef bei den Berliner Philharmonikern, überschlug sich 1909 vor Lob, nachdem er Erich Wolfgangs erste veröffentlichte Kompositionen studiert hatte: »Das ist ja aber ganz phänomenal. […] Welche blühende Erfindung, welche Phantasie, welche Kühnheit in der Harmonik! « Und Richard Strauss bekannte, die Partituren »mit grösstem Erstaunen durchgelesen« zu haben: »Das erste Gefühl, das Einen überkommt, wenn man hört, dass dies ein 11jähriger Junge geschrieben hat, ist Schrecken u. Furcht, dass ein so frühreifes Genie auch die Entwicklung nehmen möge, die ihm so innig zu wünschen wäre. Diese Sicherheit im Styl, diese Beherrschung der Form, diese Eigenart des Ausdrucks […], es ist wirklich staunenswert.« Nun fallen »Wunderkinder« aber nicht vom Himmel. Natürlich braucht es Talent, keine Frage. Aber genauso wichtig ist die Förderung von klein auf. Im Falle von Erich Wolfgang Korngold spielte der Vater eine Schlüsselrolle. Julius Korngold, promovierter Jurist, wäre am liebsten selbst Musiker geworden – er hatte sogar bei Anton Bruckner Musiktheorie und Harmonielehre studiert. Aber seine Begabung scheint nicht gereicht zu haben, und so widmete er sich seiner Leidenschaft, indem er als Musikkritiker Karriere machte: zunächst beim Tagesboten in Brünn, ab 1904 dann als Nachfolger des berühmt-berüchtigten Eduard Hanslick bei der Neuen Freien Presse in Wien. Seine beiden Söhne benannte Julius Korngold nach seinen größten musikalischen Idolen, nach Schumann und Mozart: Hans Robert den ersten, Erich Wolfgang den zweiten. Aber nur der Jüngere löste ein, was der Vater sich erhoffte. Und es liegt der Verdacht nahe, dass Julius seine eigenen Träume in diesem hochbegabten Knaben verwirklichen wollte. Erich Wolfgang begann jedenfalls schon als Kleinkind mit dem Klavierspiel und war als Fünfjähriger imstande, gemeinsam mit dem Vater vierhändig Opernparaphrasen vorzutragen. Mit sieben brachte er erste kleine Stücke zu Papier, mit neun nahm er Theorieunterricht bei Robert Fuchs, einem der gefragtesten Wiener Pädagogen im Kontrapunkt, und mit elf wurde er Schüler von Alexander Zemlinsky. Da Erich Wolfgang nebenher auch noch die Schule besuchen musste, war sein Tag von früh bis spät mit Arbeit angefüllt – zum Spielen oder zu anderen Freizeitvergnügungen blieb keine Zeit. Der Dirigent Karl Böhm, der einmal mit der Familie Korngold die Ferien in Velden am Wörthersee verbrachte, erinnerte sich: »Wenn wir alle zum Baden gingen, sagte Dr. Korngold zu seinem Sohn: ›Erich, nix baden – komponieren!‹« Und Luzi Korngold, mit der Erich Wolfgang 33 Jahre verheiratet war, überlieferte seine Bemerkung: »Ich wollte ja gar nicht komponieren; ich habe es nur für den Vater getan!« Als gefragter und gefürchteter Kritikerpapst kannte Julius Korngold die Granden der Musikszene persönlich und nutzte natürlich seine Kontakte, um den Sohn zu promoten. Dass Erich Wolfgangs Ballettpantomime »Der Schneemann« am 4. Oktober 1910 gleich an der Wiener Hofoper herauskam, dirigiert von Franz Schalk, einem der Bedeutenden seiner Zunft, war gewiss kein Zufall. Ebenso wenig, dass der junge Korngold schon 1911, mit nur 14 Jahren, beim renommierten Schott-Verlag unter Vertrag genommen wurde. Mit dem Erfolg wuchsen allerdings auch Neid und Häme. In Wien begannen einige zu behaupten, Julius Korngold schreibe als Kritiker die Rivalen des Sohnes absichtlich in Grund und Boden. Man erzählte sogar einen bösen Witz. Darin wird ein berühmter Interpret gefragt: »Sie spielen die Sonate vom jungen Korngold. Ist sie dankbar?« Darauf der Interpret: »Die Sonate nicht, aber der Vater!« Wer weiß, vielleicht hat Julius Korngold ab einem gewissen Zeitpunkt Erich Wolfgangs Karriere sogar eher geschadet. Denn schon die frühen Talentproben des jungen Korngold sind handwerklich so perfekt gearbeitet, dazu so originell, dass es besonderer Protektion nicht bedurft hätte.
1916 kamen auch Korngolds erste Opernversuche zur Uraufführung, die beiden Einakter »Der Ring des Polykrates« und »Violanta«, die Bruno Walter in München herausbrachte. Sie bescherten dem 19-jährigen Komponisten einen Triumph und gelangten noch im selben Jahr auf andere große Bühnen: darunter Wien, Düsseldorf, Frankfurt, Hannover und Dresden. Der Erfolg brachte Korngold auf die Idee, sich doch selbst mal als Dirigent zu versuchen. Als an der Wiener Hofoper am 26. Mai 1917 die zwanzigste Vorstellung des Doppelabends stattfand, gab Korngold seinen Einstand am Pult und leitete die Aufführung auswendig, ohne Partitur – und ohne das dirigentische Handwerk eigentlich gelernt zu haben. Das Erstaunen über dieses furiose Debüt war so groß, dass Korngold gleich weitere Einladungen erhielt. Etwa zum Wiener Tonkünstler-Orchester, wo er am 12. Oktober 1917 ein Porträtkonzert mit eigenen Werken dirigierte.
Spätestens mit seiner Oper »Die tote Stadt«, die 1920 Premiere feierte, stieg er zu einem der meistgespielten Komponisten seiner Zeit auf und war sogar dabei, Richard Strauss den Rang abzulaufen. Doch der Zeitgeist drehte sich: Durch den Machtantritt der Nazis standen seine Werke im wichtigen deutschen Musikmarkt plötzlich auf dem Index – als jüdischer Komponist durfte er nicht mehr gespielt werden. Korngold selbst suchte Zuflucht in den USA, machte dort Karriere in Hollywood und gewann gleich zweimal den Oscar für die beste Filmmusik. Als er nach dem Krieg aber wieder an seine Laufbahn als klassischer Komponist anknüpfen wollte, interessierte man sich in Europa nicht mehr für ihn und hielt seine romantische Klangsprache für hoffnungslos veraltet. »Ich bin vergessen«, stellte Korngold resigniert kurz vor seinem Tod im Jahr 1957 fest. Er sollte sich irren. In den letzten drei Jahrzehnten hat sich eine echte Korngold- Renaissance entwickelt.
Autorin: Susanne Stähr