Wer sich mit dem Leben und Werk des 1692 in Piran (Adriaküste) geborenen Violinisten, Komponisten und Musiktheoretikers Giuseppe Tartini befasst, wird bemerken, dass man es mit einem ebenso umtriebigen wie selbstbewussten Charakter zu tun hat. Seine rebellische Ader zeigt sich bereits in der Kindheit und bricht vollends im jungen Erwachsenenalter durch: Die konservativen Eltern sehen für ihn eigentlich eine theologische Ausbildung vor – Priester soll er werden. Doch Tartini, begabt und eigensinnig, schlägt unbeirrt einen anderen Weg ein. Statt der Kirchenkanzel reizen ihn vielmehr Fechtduelle und insbesondere die Musik.Ein Skandal bringt alles ins Rollen: Mit kaum zwanzig Jahren heiratet Tartini die zwei Jahre ältere Elisabetta Premazore – gegen den Willen seiner Familie und zum Zorn der oberen Geistlichkeit. Um dem drohenden Ärger zu entkommen, flüchtet er ins Kloster San Francesco in Assisi. Ausgerechnet dort, abgeschieden und isoliert, findet er zu seiner wahren Bestimmung: Er greift zur Geige und bringt sich weitgehend autodidaktisch das Spiel bei. Bald schon erklingt in den stillen Klostergemäuern eine neue, unverwechselbare Instrumentalstimme. Nach ersten Stationen als Orchestermusiker in Ancona führt ihn sein Weg nach Padua, wo er 1721 die Leitung des Orchesters der Basilika des Heiligen Antonius übernimmt. Padua wird bis zum Tod seine Heimat bleiben – und sein künstlerisches Labor. Von hier aus unternimmt er zahlreiche Reisen, verbringt prägende Jahre in Prag und gründet später seine berühmte »Scuola delle nazioni«, eine Musikschule, die Geiger aus ganz Europa anzieht. Doch Tartini versteht sich nicht allein als Pädagoge: Er ist zugleich Virtuose, Komponist und Musiktheoretiker. Mit seiner raffinierten Bogenführung legt er den Grundstein für das moderne Violinspiel. Sein Schaffen umfasst rund 150 Konzerte und über 200 Sonaten für Violine, die europaweite Verbreitung finden. Sein berühmtestes Stück aber verdankt sich einem Albtraum, in dem ihm der leibhaftige Teufel erscheint und auf der Violine die abenteuerlichste Musik vorspielt. Gegenüber einem Freund berichtet Tartini: »Mir stockte der Atem, und ich erwachte schweißgebadet, griff sofort nach meiner Geige und wollte das nachspielen, was ich gehört hatte – vergebens! Das Stück, das ich anschließend notiert habe, ist zwar sicher mein bestes Werk, und ich nenne es noch immer die ›Sonata del diavolo‹, die ›Teufelstriller-Sonate‹. Aber sie reicht so wenig an die überwältigende Musik heran, die ich im Traum gehört hatte, dass ich sofort meine Geige zertrümmern und die Musik für immer aufgeben würde, um in ihren Besitz zu gelangen.« Tartini ist zudem ein geschätzter wie kritisierter Musiktheoretiker, der sich in umfassenden Abhandlungen mit komplexen Problemen der Harmonik, Akustik und Verzierung beschäftigt. Im Alter lebt er zurückgezogen und mit ausgeprägten Interessen für esoterische und mystische Strömungen. Nach dem Tod seiner Frau teilt er Wohnung und Künstlerfreundschaft mit dem Cellisten Antonio Vandini, für den er Konzerte schreibt. Tartini selbst bleibt bis zu seinem Lebensabend naturverbunden und neugierig in Bezug auf mathematische und astronomische Fragestellungen. Am 26. Februar 1770 stirbt er im betagten Alter von 77 Jahren in seiner Wahlheimat Padua. Die Nachwelt würdigt ihn nicht nur als bedeutenden Komponisten und Theoretiker, sondern vor allem für seine nachhaltigen Einflüsse auf die Modernisierung des Violinspiels.
– Kai Marius Schabram