Oliver Knussen (der Familienname ist eine Verschleifung des norwegisch-dänischen Knudsen und wird »Nuhsen« ausgesprochen) wurde 1952 in der schottischen Hafenstadt Glasgow geboren. Sein Vater war Solokontrabassist im London Symphony Orchestra und nahm seinen Sohn von klein auf in die Proben mit. Ab seinem 12. Lebensjahr, von 1963 bis 1969, wurde er am Royal College of Music in Musiktheorie und Komposition von John Lambert ausgebildet, einem einstigen Privatschüler Nadia Boulangers, aus dessen Schule mit Mark-Anthony Turnage, Simon Bainbridge oder Julian Anderson weitere führende englische Komponisten unterschiedlichster Stilrichtungen hervorgingen. Wie sein Lehrer Lambert sollte sich auch Knussen stets durch eine frappante Offenheit gegenüber der gesamten Diversität der musikalischen Produktion seiner Zeit auszeichnen. Als ich ihn in den 2000er Jahren in Amsterdam traf, jauchzte er vor Vergnügen, als wir feststellten, wie sehr wir beide den Beginn von Richard Strauss’ »Ein Heldenleben« liebten, den er als den großartigsten Anfang eines Orchesterwerks überhaupt bezeichnete. Es zeigte sich, dass er auch für von den Modernisten gemeinhin verfemte Komponisten wie Ottorino Respighi größte Bewunderung hegte; und so verwundert es nicht, dass sein enger Dirigierschüler Jonathan Berman unlängst als Herzensprojekt eine Gesamtaufnahme der Symphonien Franz Schmidts realisierte. Knussen war bis kurz vor seinem Tod einer der aufmerksamsten Bezieher der Partituren der Münchner Raritätenserie »Repertoire Explorer« und fand stets, dass er noch viel zu wenig wusste. Er, von dem sein Kollege Colin Matthews 2012 schrieb, er »habe im Verlauf von fast vierzig Jahren mehr von Ollie gelernt als von allen anderen Musikern — nicht nur über Musik«. Knussen war eine exemplarische Widerlegung der Ansicht, dass Modernisten sich durch ideologische Verbohrtheit und Scheuklappen gegen die Tradition auszeichnen. Von der Erscheinung her war Knussen, der als Dirigent das Orchester mimisch und gestisch stets im Griff hatte, ein echter Hüne von geradezu überwältigender Gestalt. Hans Werner Henze hat dies als von Knussen mit zahlreichen Aufführungen begünstigter Komponist in seiner Autobiographie »Reiselieder mit böhmischen Quinten« theaterwirksam illustriert: »Oliver Knussens Vorfahren sind riesige Wikinger gewesen, die einander oder sonstige Feinde mit Felsblöcken zu bombardieren pflegten, ganz wie ihr hochsensibler und raffinierter Nachkomme es heute mit den Tönen macht, die er aufschreibt oder dirigierend aus eigenen oder anderen Musikstücken hervorzaubert wie ein mythischer Schmied, aus dessen Esse es funkelt und lodert wie Feuerwerke oder die Pechfackeln entsetzlicher ›pompes funèbres‹.«
Dazu muss man wissen, dass Knussen seinen größten Erfolg mit der kindgerechten Vertonung von Maurice Sendaks Kinderbuchhit »Where the Wild Things Are« (Wo die wilden Kerle wohnen, 1979/ 83) verbuchte. Und weil das kunterbunte und funkensprühende wie auch selbst in den groteskesten Wirkungen kristallklar und elegant bis ins letzte Detail durchkonstruierte Werk ein so großer Hit wurde und er mit Sendaks raffiniert-würzigem Humor auf einer Wellenlänge lag, ließ er mit »Higglety Pigglety Pop!« zwei Jahre später noch eine weitere so genannte »Fantasy Opera« vergleichbaren Zuschnitts folgen. Knussen hat einige in ihrem Ausdrucksreichtum und der blitzschnellen Wendigkeit ihrer Stimmungen überaus fesselnde Werke für Gesang mit Instrumenten geschrieben, unter denen »Hums and Songs of Winnie-the-Pooh« (1970/83), Symphonie Nr. 2, die »Whitman Settings« (1991/92) und vor allen Dingen sein spätes, hochverdichtetes und in der Introspektion berührendes »Requiem. Songs for Sue« (2005/06) – gewidmet dem Andenken seiner 2003 verstorbenen Ehefrau Sue – herausragen. Oliver Knussen starb 15 Jahre nach Sue, am 8. Juli 2018, in seinem ländlichen Gelehrtendomizil in Snape, Suffolk, im Alter von 66 Jahren an Herzversagen.
– Christoph Schlüren