Die etwas »stiefkindliche« Position der »Zweiten« im symphonischen Gesamtwerk Bruckners, aber auch im internationalen Konzertleben, lässt sich schwer erklären, denn: Wir erleben hier einen gleichermaßen lyrischen wie klangmächtigen Bruckner, ein Werk zutiefst persönlicher Prägung und großer Ausgewogenheit, in dem die Individualität seines Schöpfers unverwechselbar zutage tritt. Bruckners 2. Symphonie ist nur ein vermeintliches Frühwerk, immerhin schrieb er sie im Alter von 48 Jahren, zudem gehen ihr neben seiner offiziellen 1. Symphonie zwei weitere Symphonien voraus, die er unveröffentlicht ließ. Die Wiener Philharmoniker lehnten die Symphonie zunächst für die Aufnahme in ihre eigenen »Philharmonischen Konzerte« ab, doch gelang es dem Bruckner wohlgesonnenen Johann Herbeck, einen Sponsor für eine Sonderaufführung zu finden: Fürst Johann Liechtenstein übernahm großzügig die Kosten. Bruckner musste das Werk nun selbst einstudieren. Arthur Nikisch, der spätere Uraufführungsdirigent der »Siebten«, befand sich zu dieser Zeit unter den Streichern und erinnerte sich amüsiert an die erste Probe: »Ich höre noch, wie Bruckner, als er an das Pult trat, zu uns sagte: ›Alsdann, meine Herren, wir können probieren, so lang wir wollen; ich hab an’, der’s zahlt !‹« Bei der Uraufführung 1873 gab es zahlreichen Applaus. Der große Durchbruch war freilich, wie sich in den Folgejahren zeigte, damit noch nicht gelungen – der erfolgte erst zwölf Jahre später mit dem Siegeszug der »Siebten«.
– Thomas Leibnitz
An der Musik Anton Bruckners (geboren am 4. September 1824 in Ansfelden bei Linz), der nach Beethoven zu den großen Symphonikern zählt, schieden sich die Geister. Während ihn die einen als Zerstörer von Traditionen sahen, verklärten ihn die anderen…