Wie von keinem anderen Werk des 19. Jahrhunderts ging von "Tristan und Isolde" eine Suggestivkraft aus, die zahlreiche Komponisten, Philosophen, Literaten und sogar Psychoanalytiker in ihrem Schaffen beeinflusste. Keiner, ob Wagner-Anhänger oder -Gegner, der je das Werk seit seiner Uraufführung von 1865 hörte, konnte sich seiner laut Nietzsche "gefährlichen Faszination" entziehen. Die "Liebe als furchtbare Qual" stellt das zentrale und einzige Motiv dieser "Handlung" (Wagner bezeichnete sein Werk nicht als Oper!) dar und damit wird deutlich, dass es hier nicht um ein dramatisches äußeres Geschehen, sondern um innere Seelenzustände geht. Bereits in den ersten, sogartig emotionsgeladenen Takten des Tristan-Vorspiels zeigt sich, was Wagner in diesem Musikdrama darstellen wollte: das Sehnen der unerfüllten und unerfüllbaren Liebe, einer Liebe, die, behindert durch die realen Verhältnisse, nur im Tod ihre Erfüllung finden kann. Musikalisch findet Wagner mit dem berühmten "Tristan-Akkord", der die Grenzen der traditionellen Harmonik sprengt, die Keimzelle des ganzen weiteren Geschehens, das er mittels Leitmotiven organisiert. In Konsequenz der Unerfüllbarkeit ihrer Sehnsucht im Leben, stirbt Isolde am Ende den Liebestod, um in einer anderen Nacht- und Todeswelt mit Tristan vereinigt zu sein. "Weniges hat an Wagners Musik so sehr gelockt wie der Genuss der Qual", fasste Theodor W. Adorno die Einzigartigkeit der Tristan-Musik in Worte.
Die Musikdramen Richard Wagners, geboren am 22. Mai 1813 in Leipzig, wirkten auf seine Zeitgenossen äußerst polarisierend. Während sich die eine Hälfte des Publikums von der emotionalen Sogkraft seiner Werke in Bann ziehen ließ, fühlte sich die…
Zu Richard Wagner