Philip Glass zählt zu den erfolgreichsten und meistgespielten zeitgenössischen Komponisten weltweit. Seine Opern und Filmmusiken genießen Kultstatus, sein umfangreiches symphonisches Schaffen erreicht ein breites Publikum und mit seinen Ideen hat er nicht zuletzt auch Musiker wie Brian Eno oder David Bowie stark beeinflusst. Er gilt als wichtigster Vertreter der Minimal Music, mit der er, zusammen mit Mitstreitern wie Terry Riley und Steve Reich, das Musikleben in den 1970er Jahren in ganz neue Bahnen lenkte. Glass, der neben seiner klassischen Ausbildung auch bei dem indischen Sitar-Virtuosen Ravi Shankar studierte und sich intensiv mit außereuropäischer Musik beschäftigte, ging es damals auch um neue Wahrnehmungsmuster: »Wenn sich herausstellt, dass nichts im üblichen Sinne ›passiert‹, dann kann der Hörer vielleicht eine andere Art des Hörens entdecken«, war seine Idee. Es war aber auch ein gezielter Bruch mit den musikalischen Vorstellungen der älteren Generation: »Als ich als junger Mann nach Paris kam, hörte ich Chorwerke von Stockhausen oder Xenakis. Ich wusste, dass deren Zeit vorbei war, nur sie wussten es noch nicht«, erklärt er selbstbewusst. Anders als die Vertreter der seriellen Musik in den 1960er und 1970er Jahren setzten die Minimalisten auf einfache klangliche Muster und das variierte Wiederholen simpler harmonischer Fortschreitungen. »Es war ja regelrecht verboten, mit Melodien, Harmonien und Ähnlichem daherzukommen«, so Glass. »Und als wir einmal damit begonnen hatten, gehörte dieses Feld plötzlich uns ganz allein, das war wunderbar.« Philip Glass legte eine Blitzkarriere hin. Spielte er zu Beginn seiner Laufbahn mit seinem Ensemble noch vor zwanzig Zuhörer* innen und verdiente seinen Lebensunterhalt mit Taxifahren, so änderte sich das schlagartig mit seiner ersten Oper »Einstein on the Beach«: »1970 gab ich mein erstes Konzert in New York, und 1976 war ich mit der ›Einstein‹-Oper bereits in der Metropolitan Opera. Da liegen gerade mal sechs Jahre dazwischen!« Mit der Minimal Music trafen Musiker wie Steve Reich oder Philip Glass den Zeitgeist. Das Meditative hatte Hochkonjunktur und viele Menschen waren bereit, sich auf die hypnotisch- berauschende Wirkung dieser Musik mit ihren Wiederholungen, allmählichen Phasenverschiebungen und ihren eingängigen Melodiebildungen einzulassen. Zu einer Zeit, da Asien-Trips und Marihuana- Konsum bei der jungen Generation zum Pflichtprogramm gehörten, hatten nicht nur Bands wie »The Doors« Hochkonjunktur, sondern auch die repetitiven Strukturen der Musik von Philip Glass. »Einstein on the Beach« war ein sensationeller Erfolg und wurde binnen weniger Jahre auf zahlreichen Opernbühnen nachgespielt. Mit seinen nachfolgenden Werken für das Musiktheater wie »Satyagraha« – hier wird das Leben des indischen Philosophen und Politikers Mahatma Ghandi thematisiert – und »Akhnaten« (Echnaton) konnte er nahtlos an seinen frühen Triumph anknüpfen. Dass in seinen musiktheatralischen Werken Dramatik, Handlung oder verständlicher Text fehlen, wurde als Ausdruck einer neuartigen Ästhetik verstanden, der es ähnlich wie der »Grand Opera« des 19. Jahrhunderts neben der Musik vor allem um Bilder und Tableaus geht. Ganz in diesem Sinne hat Philip Glass dazu geäußert: »Es kommt nicht darauf an, was es bedeutet, sondern dass es bedeutsam ist.« In späteren Jahren komponierte er auch zahlreiche Tanzstücke und vor allem für den Film. Er vertonte Filmklassiker wie Jean Cocteuas »La Belle et la Bête« oder »Les Enfants Terribles« für die Opernbühne und sorgte vor allem mit der Musik zu Godfrey Reggios »Qatsi«-Trilogie für Furore. Unter den Minimal-Komponisten der ersten Tage erreichte keiner die Popularität von Glass. Ob die New Yorker Carnegie Hall oder den früheren Rock-Tempel »The Bottom Line« – seine Musik füllte mühelos jeden Saal. Dazu trugen nicht zuletzt hervorragende Interpreten wie das Kronos Quartett oder der Geiger Gidon Kremer bei. Auch die Zusammenarbeit mit Star-Regisseur Robert Wilson war bei seinen Opernerfolgen ein wichtiger Faktor. Dass einige Kritiker die Musik von Glass als gefällig, schlicht und immer gleich beschrieben, dürfte den inzwischen vielfach Ausgezeichneten kaum mehr beeindrucken. »Vor langer Zeit habe ich gelernt, dass Unabhängigkeit wichtiger ist als Erfolg. Unabhängigkeit gab mir die Freiheit zu tun, was ich wollte. Jede Anerkennung ist künstlerisch ein Desaster.«
Autor: Martin Demmler