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Giorgi Gigashvili im Interview

Giorgi Gigashvili, geboren 2000 in Tiflis, hätte als Sieger der georgischen Ausgabe von »The Voice« eine vielversprechende Karriere als Pop-Sänger einschlagen können. Doch nachdem er auch einen Klavierwettbewerb gewann und Martha Argerich kennenlernte, beschloss er, Genregrenzen zu überschreiten. Heute begeistert er sein Publikum gleichermaßen in Konzertsälen und Clubs — mit Jazz, Pop, Elektro, georgischer Volksmusik und Klassik – und das mit großem Erfolg. Bei seinem Debüt mit den Münchner Philharmonikern trifft der vielseitige Gigashvili auf ein außergewöhnliches Instrument: die singende Säge, der Aram Chatschaturjan in seinem Klavierkonzert eine prominente Rolle zuweist. mehr

 

credit Jo Bogaerts
credit Zura Tsnobiladze

• You didn’t follow the traditional path of a concert pianist. What brought you back to classical music anyway?

I think classical music never really left me. Even when I was doing other things, singing, performing on television, exploring different kinds of music, the piano was always the place where I felt most honest. At some point I realized that classical music is not a closed museum for me, but something alive, physical, emotional, and sometimes even dangerous. I came back to it because I missed that depth and that feeling of total surrender that I cannot really find anywhere else.

 

• What appeals to you about Khachaturian’s piano concerto—especially in comparison to the standard classical repertoire?

There is something wild and unapologetic in Khachaturian’s concerto. It does not try to be elegant in the traditional European sense all the time. it is rhythmic, excessive, colorful, almost cinematic. I love that it can suddenly sound brutal and then incredibly vulnerable a moment later. Compared to a lot of standard repertoire, it feels less restrained emotionally. There is also something deeply connected to my own cultural background in its energy and its sense of drama.

 

• For many, the singing saw is a completely unexpected sound in the concert hall. How did you first experience it yourself?

The first time I heard it, I honestly could not understand what I was hearing. It felt human and inhuman at the same time, almost like a voice coming from another room or another memory. I was immediately attracted to that uncertainty. I love sounds that make you question where they belong, especially in a concert hall where people think they already know what they are going to hear.

 

• Is that a curious detail for you—or a central component of the soundscape?

For me it is absolutely not just a gimmick or an exotic detail. It changes the atmosphere of the entire space. The sound of the saw has something fragile and ghost-like in it, and when it appears inside classical textures, it suddenly opens another emotional dimension. It can make familiar music feel strange again, and I think that is very important.

 

• You move between classical music, improvisation, and other genres. What can classical music learn from these worlds?

Maybe freedom. Not freedom from discipline, because discipline is essential, but freedom from fear. In many other musical worlds, people are less afraid of risk, imperfection, spontaneity, direct communication with the audience. Sometimes classical music becomes too obsessed with correctness and forgets that music is also instinct, personality, and presence. I think audiences are searching for something alive.

 

• Are there elements from pop or club culture that you consciously incorporate into your classical playing?

Definitely rhythm and the physical relationship with sound. In club culture especially, repetition and pulse can create almost a trance state, and I think classical music sometimes underestimates the power of that. I am also interested in amplification, atmosphere, lighting, silence between pieces, the feeling of a shared space rather than a formal ritual. Even when I play standard repertoire, I think about tension and energy almost architecturally, like building a live experience rather than simply presenting a piece.

Übersetzung:

• Du bist nicht den traditionellen Weg eines Konzertpianisten gegangen. Was hat dich wieder zur klassischen Musik zurückgebracht?

Ich glaube, die klassische Musik hat mich nie wirklich verlassen. Selbst als ich andere Dinge tat – singen, im Fernsehen auftreten, verschiedene Musikrichtungen erkunden –, war das Klavier immer der Ort, an dem ich mich am meisten zuhause gefühlt habe. Irgendwann wurde mir klar, dass klassische Musik für mich kein geschlossener Raum ist, sondern etwas Lebendiges, Körperliches, Emotionales und manchmal sogar Gefährliches. Ich bin zur klassischen Musik zurückgekehrt, weil ich diese Tiefe und dieses Gefühl der völligen Hingabe vermisst habe, das ich nirgendwo sonst wirklich finden kann.

 

• Was reizt Sie an Chatschaturjans Klavierkonzert – insbesondere im Vergleich zum klassischen Standardrepertoire?

Chatschaturjans Konzert hat etwas Wildes und Unverfrorenes an sich. Es versucht nicht, im traditionell-europäischen Sinne elegant zu sein. Es ist rhythmisch, exzessiv, farbenfroh, fast filmisch. Ich liebe es, dass es plötzlich martial klingt und im nächsten Moment wieder unglaublich verletzlich. Im Vergleich zu anderem Standardrepertoire wirkt es emotional weniger zurückhaltend. In seiner Energie und seinem Sinn für Dramatik steckt auch etwas, das tief mit meinem eigenen kulturellen Hintergrund verbunden ist.

 

• Für viele ist die singende Säge ein völlig unerwarteter Klang im Konzertsaal. Wie hast du sie selbst zum ersten Mal erlebt?

Als ich sie zum ersten Mal hörte, konnte ich nicht zuordnen, was ich da hörte. Es fühlte sich menschlich und unmenschlich zugleich an, fast wie eine Stimme, die aus einem anderen Raum oder einer anderen Erinnerung kam. Diese Ungewissheit hat mich sofort angezogen. Ich liebe Klänge, bei denen man sich fragt, wo sie hingehören, besonders in einem Konzertsaal, wo die Leute glauben, sie wüssten bereits, was sie zu hören bekommen.

 

• Ist die singende Säge für Sie ein kurioses Detail – oder ein zentraler Bestandteil der Klanglandschaft des Klavierkonzerts?

Für mich ist es nicht nur eine Spielerei oder ein exotisches Detail. Es verändert die Atmosphäre des gesamten Werks. Der Klang der Säge hat etwas Zerbrechliches und Geisterhaftes an sich, und wenn er in klassischen Klanggeweben auftaucht, eröffnet er plötzlich eine weitere emotionale Dimension. Er kann vertraute Musik wieder fremd wirken lassen, und ich halte das für sehr wichtig.

 

• Sie bewegen sich zwischen klassischer Musik, Improvisation und anderen Genres. Was kann die klassische Musik von diesen Welten lernen?

Vielleicht Freiheit. Nicht Freiheit von Disziplin, denn Disziplin ist unerlässlich, sondern Freiheit von Angst. In vielen anderen Musikwelten haben die Menschen weniger Angst vor Risiko, Unvollkommenheit, Spontaneität und direkter Kommunikation mit dem Publikum. Manchmal ist die klassische Musik zu sehr auf Korrektheit fixiert und vergisst, dass Musik auch Instinkt, Persönlichkeit und Präsenz ist. Ich glaube, das Publikum hat mehr Lebendigkeit verdient.

 

• Gibt es Elemente aus der Pop- oder Clubkultur, die du bewusst in dein klassisches Spiel einfließen lässt?

Auf jeden Fall Rhythmus und die körperliche Beziehung zum Klang. Gerade in der Clubkultur können Wiederholungen und Puls fast einen Trancezustand erzeugen, und ich glaube, die klassische Musik unterschätzt manchmal die Kraft, die davon ausgeht. Ich interessiere mich auch für Verstärkung, Atmosphäre, Beleuchtung, die Stille zwischen den Stücken, das Gefühl eines gemeinsamen Raums statt eines formalen Rituals. Selbst wenn ich Standardrepertoire spiele, denke ich über Spannung und Energie fast architektonisch nach, als würde ich ein Live-Erlebnis aufbauen, anstatt einfach nur ein Stück zu präsentieren.

  • Mai 2026

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