Von äußeren Lebensumständen sollte man eher nicht auf die Entstehung einer Komposition rückschließen. Denn Felix Mendelssohn Bartholdy komponierte die erste Fassung seiner Vertonung des 42. Psalms während seiner Hochzeitreise im Frühjahr und Frühsommer 1837. Den alttestamentarischen Klagepsalm deutete er musikalisch als Ausdruck eines inneren Glaubensprozesses, an dessen Ende Überwindung und Lobgesang stehen. Obwohl das Werk mit seinem biblischen Text für den Konzertsaal bestimmt war, sah Robert Schumann darin »die höchste Stufe, die er [Mendelssohn] als Kirchenkomponist, die die neuere Kirchenmusik überhaupt erreicht hat«. In dieser scheinbaren Spannung zwischen liturgischer Bestimmung und künstlerischem Anspruch spiegelt sich die zeitgenössische Diskussion über die Aufgaben und Möglichkeiten geistlicher Musik. Sie findet sich auch im Ernennungsschreiben, mit dem der preußische König Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1842 Mendelssohn zum Generalmusikdirektor berief und ihm »die Oberaufsicht und Leitung der kirchlichen und geistlichen Musik« erteilte.
— Michael Kube
Felix Mendelssohn Bartholdy, Sohn eines Bankiers und Enkel des Philosophen Moses Mendelssohn, wurde am 3. Februar 1809 in Hamburg geboren und gilt als einer der bedeutendsten Musiker der Romantik. Als Dirigent setzte er neue Standards, die das…