Als Tochter eines Methodisten-Pfarrers wurde Ruth Crawford 1901 in East Liverpool, Ohio, geboren. Aufgrund der Arbeit ihres Vaters zog die Familie häufig um. Als Ruth 14 Jahre alt war, starb ihr Vater an Tuberkulose, und ihre Mutter Clara eröffnete in Jacksonville, Florida, eine Pension, um die Familie aus der finanziellen Notlage zu befreien. Ruth zeigte künstlerisches Talent: Schon in jungen Jahren erhielt sie Klavierunterricht und schrieb mit großer Leidenschaft, insbesondere Gedichte. Mit der Absicht, Konzertpianistin zu werden, zog sie schließlich im Alter von 19 Jahren nach Chicago, um am American Conservatory of Music zu studieren. Zu dieser Zeit begann sie auch, Kompositionsunterricht bei Adolf Weidig zu nehmen. In Chicago schloss sie sich dem Kreis der in Kanada geborenen Djane Lavoie-Herz an, einer Pianistin und Schülerin Skrjabins. Im Haus von Herz lernte sie den charismatischen Dane Rudhyar und auch Henry Cowell kennen. Letzterer war von Crawfords Musik so beeindruckt, dass er Aufführungen ihrer Werke in New York organisierte und sie in seiner Zeitschrift »New Music Quarterly« veröffentlichte. Crawford arbeitete als Klavierlehrerin für die Kinder des Dichters Carl Sandburg, der ihr Interesse an amerikanischen Volksliedern weckte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im Schatten der bevorstehenden Wirtschaftskrise, besannen sich viele Musikschaffende in Europa und Amerika auf die folkloristischen Wurzeln der Musikgeschichte ihrer Heimatländer. Crawford arrangierte zu dieser Zeit Volkslieder für Sandburgs 1927 erschienenes Buch »The American Songbag«. Später vertonte sie acht seiner Gedichte, wobei die kammermusikalische Komposition »Three Songs by Carl Sandburg« am besten gelang und zu ihren Lebzeiten eines ihrer meistaufgeführten Werke war. 1929 begann Crawford auf Anregung von Henry Cowell ein Kompositionsstudium bei Charles Seeger, einer Schlüsselfigur der amerikanischen Musik, vor allem im Bereich der Musiktheorie und -wissenschaft. Ihr Stil war ausgesprochen originell. Nachdem sie sich anfangs des »posttonalen Pluralismus« bediente, entwickelte sich ihre Musik einige Jahre darauf, unter dem Einfluss von Seeger und anderen Ultramodernisten, zu dissonantem Kontrapunkt, Polytonalität und Tonclustern. Es hieß, sie könne »mit Dissonanzen um sich schleudern wie ein Mann«. Crawford erhielt als erste Komponistin ein Guggenheim-Stipendium, das sie 1930 für Studien in Berlin und Paris nutzte. Später reiste sie nach Wien und Budapest, um ihre Arbeiten mit Alban Berg und Béla Bartók zu besprechen. 1932 heiratete Crawford Charles Seeger und übernahm damit auch die Verantwortung für dessen Kinder aus einer früheren Ehe, darunter sein Sohn Pete. Dieser, wie auch ihre gemeinsamen Kinder Peggy und Mike Seeger wurden berühmte amerikanische Folksänger. Während ihre Familie wuchs, kam Crawford Seegers kompositorisches Schaffen 1934 gänzlich zum Erliegen. 1936 nahm Charles Seeger eine Stelle in Washington, D.C., an, wo für Crawford Seeger eine enge Zusammenarbeit mit John und Alan Lomax im »Archive of American Folk Song« der Library of Congress begann. Ihre schöpferische Energie widmete sie nun dem Sammeln und Arrangieren amerikanischer Volkslieder, insbesondere von Kinderliedern, die damals sehr geschätzt wurden und auch heute noch Verwendung finden. Man findet einige Stimmen, die das weitgehende Kompositionsende Crawford Seegers in den frühen 1930er Jahren beklagen. Wie jedoch Loras Schissel von der Library of Congress kürzlich meinte, sollte man nicht davon ausgehen, dass ihre Arbeit in der Volksmusik weniger wichtig war als ihre frühere kompositorische Tätigkeit. Die Entscheidung, ihren Schwerpunkt zu wechseln, bescherte ihr eine erfüllende Tätigkeit, der sie mit Leidenschaft nachging. Auch sei bemerkt, dass sie zu dieser Zeit die Verantwortung für vier Kinder trug! Dennoch lebte sie zeitlebens ihr kreatives Talent aus. Als die Kinder älter wurden, begann sie wieder zu komponieren, ein Holzbläserquintett. Viel Zeit blieb ihr nicht mehr, sie starb im Alter von 52 Jahren an Krebs.
Barbara Hannigan (übersetzt aus dem Englischen von Dominik Kreuzer)