Ein Beitrag zum 30. Dienstjubiläum des Chordirektors der Münchner Philharmoniker, Andreas Herrmann
Ein Samstag im Frühsommer 1995, kurz vor 12.30 Uhr: Hochnebel steigt von der Isar den Gasteig hinauf und umgibt den mächtigen Backsteinmonolithen mit einer undurchsichtigen Hülle. Durch die große Fensterfront des Chorsaals ist das gegenüberliegende St. Nikolai Kirchlein allenfalls schemenhaft zu erahnen. Im Saal herrscht eine Mischung aus angeregten Diskussionen, aufgeregt-skeptischem Stimmengewirr und spürbarer Unsicherheit – die Anspannung unter den Herren der Bassgruppe ist fast mit Händen greifbar. Doch was ist der Grund? Auf dem Probenplan steht Hector Berlioz’ »La Damnation de Faust«, ein Werk, das in der Chorliteratur als Prüfstein für Männerstimmen bekannt ist und diese nicht nur durch rhythmische Polymetrik im Doppelchor herausfordert. Und gerade für dieses Stück hat der damalige Chordirektor Roderich Kreile die Idee, die Männerstimmen in getrennten Proben zu studieren: Für die Bassgruppe gewinnt er zur Einstudierung einen Studenten der Musikhochschule München.
Und während die Diskussionen im Chorsaal Fahrt aufnehmen, steht er plötzlich da, am Pult, direkt neben dem Flügel – der Dirigier-Student Andreas Herrmann: groß gewachsen, blass, Brille und vollkommen unaufgeregt. Schon wenige Augenblicke später hebt er seine Hände zum Dirigat und die Probe beginnt. Bereits nach einer halben Stunde ist Unglaubliches gelungen: Die schwierigsten und anspruchsvollsten Stellen des Stückes sitzen bereits und die anfängliche Skepsis im Chorsaal weicht heller Begeisterung. Nach einer weiteren Probe, einige Tage danach mit allen Stimmgruppen ist klar: Hier entsteht gerade eine besondere Verbindung. Manch einer würde sogar soweit gehen zu sagen: Der Chor hat sich schockverliebt!
Ein knappes Jahr und einige schicksalhafte Wendungen später, steht Andreas Herrmann dann 1996 als neuer Chordirektor der Münchner Philharmoniker vor dem Chor. Zu diesem Zeitpunkt ahnt wohl niemand, dass aus dieser Begegnung eine über Jahrzehnte wachsende Erfolgsgeschichte werden wird, denn Andreas Herrmann tritt sein Amt in turbulenten Zeiten an: Die Wirtschaftsflaute nach der deutschen Wiedervereinigung der 1990er Jahre war auch an München nicht spurlos vorübergegangen; die Stadt muss sparen. Zugleich steht der Chor vor der Aufgabe, sich organisatorisch, vor allem aber auch künstlerisch zu erneuern.
In seiner Anfangszeit muss sich Andreas Herrmann zusammen mit dem Chor durch harte Zeiten kämpfen: Schwierige Entscheidungen, die in den Chor hineinwirken, liegen vor ihm, während er sich von der ersten Minute an ganz systematisch und mit Verve an die musikalische Neuausrichtung des Chores macht. Dabei erweist sich seine ihm ganz eigene Arbeitsweise als besonderer Gewinn für den Chor. Andreas Herrmann ist ein präziser Analytiker, der sowohl die vorzubereitenden Stücke genau seziert, als auch mit sicherem Instinkt versteht, die heikelsten gesanglich-rhythmischen Stellen so einzustudieren, dass sie auch Jahre später noch mit wenig Mühe abgerufen werden können. In den Proben punktet Andreas Herrmann mit Empathie und seiner natürlichen Autorität, die es ihm erlauben, auch in Zeiten großer Termindichte, Anspannung und Konzentration, unaufgeregt, aber immer mit der erforderlichen Disziplin ans Werk zu gehen und damit den Grundstein für effektives und effizientes Arbeiten zu legen. An Humor und Witz (»Können Sie nicht nur richtig, sondern auch schön singen?«) sowie einer gesunden Portion Selbstironie (nachdem er eine Passage vorgesungen hatte: »Naja, ich muss ja glücklicherweise nur dirigieren und nicht singen!«) fehlt es ihm dabei nie.
Über die Jahre hinweg ist es Andreas Herrmann bestens gelungen den Chor kontinuierlich zu erneuern, weiterzuentwickeln und ihn zu einem flexiblen und professionellen Partner der Münchner Philharmoniker mit überregionaler und internationaler Strahlkraft zu formen. Dabei stellt er nie die eigene Person in den Mittelpunkt, sondern richtet seine Arbeit konsequent auf die Belange des Ensembles (immerhin wurde der Chor 1895, nur zwei Jahre nach Gründung der Münchner Philharmoniker, von deren Gründer, Franz Kaim, als Partnerchor des Orchesters ins Leben gerufen) und des Orchesters aus. Dies bedeutet nicht, dass Andreas Herrmann seine eigenen klanglich-interpretatorischen und künstlerischen Vorstellungen vernachlässigt, das Gegenteil ist der Fall: Ihm gelingt es, seine eigene Handschrift so geschickt mit den Anforderungen der Chef- und Gastdirigenten zu verbinden, dass diese dennoch immer einen nach ihren Bedürfnissen und Wünschen präparierten Chor vorfinden.
Ja, »die Zeit, die ist ein sonderbar Ding…« – der Nebel aus dem Jahr 1995 hat sich längst verzogen. Aus anfänglicher Skepsis und Unsicherheit wurde ein Glücksfall, aus dem Studenten ein beliebter und hochangesehener Chordirektor, aus einer ersten Begegnung eine langjährige Partnerschaft und aus spontaner Begeisterung eine tiefe, gewachsene Verbundenheit. Nach 30 Jahren unermüdlicher, unglaublich toller Arbeit für »seinen« Chor blicken wir voller Freude und Hoffnung auf die weitere Zusammenarbeit mit »unserem« Chordirektor, unserem Andreas Herrmann. Für alles, was er für den Chor und die Münchner Philharmoniker geleistet hat und weiterhin leistet, sagen wir von Herzen: DANKE, ANDREAS!
Im Namen aller Kolleginnen und Kollegen des Philharmonischen Chores München
— Martin Sebele
Chorsprecher